„Mein Lieblingswrestler war Undertaker“ – Wrestling und Literatur

Von Pascal Mathéus

Literatur und Wrestling sind verwandte Kunstformen. Wie Scheherazade in ‚Tausendundeiner Nacht‘ befinden sich Wrestler nach dem Urteil des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz in einer Endlosschleife zwischen Fiktion und Realität. Was der Undertaker, Hulk Hogan und Ric Flair darüber hinaus mit Rotkäppchen und dem Bösen Wolf, mit Andromache und den Gestalten des antiken Theaters und mit den Darstellungsformen von Literatur überhaupt zu tun haben.

„Bodyslam. Piledriver. Neckbreaker.“ Was sich wie die protokollartige Schilderung eines Wrestlingmatches anhört, ist in Wirklichkeit ein Zitat aus einem der größten Triumphe zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur. In Herkunft von Saša Stanišić ist Wrestling eine Chiffre für die Verwahrlosung, die seine Familie Anfang der 90er Jahre in einer ärmlichen Flüchtlingsunterkunft erlebt: „Wir sahen Wrestling und Softpornos und rauften auf alten Matratzen im Hof. Die Matratzen rochen nicht gut. Sie trugen die Träume und Hautschuppen ihrer Vorbesitzer. Bodyslam. Piledriver. Neckbreaker.“

Dass Wrestling für ihn jedoch mehr ist als ein Ausdruck von Jämmerlichkeit, macht Stanišić durch ein Bekenntnis deutlich: „Mein Lieblingswrestler war Undertaker“, schreibt er, und fügt an: „(er ist es bis heute).“ Für ihn und seine Cousins stellten die Schaukämpfe aus Amerika damals ein Identifikationsangebot dar. Sie ahmten die Bewegungen und Gesten der Wrestler nach, die stellvertretend für sie den Kampf mit finsteren Bösewichten aufnahmen. Statt sich von seiner Jugendsünde zu distanzieren, betont der Autor seine bis heute andauernde Verbundenheit mit dem Undertaker, der seine Karriere im vergangenen November nach 30 Jahren gerade beendet hat.

Wrestling als Thema der Literatur

Weshalb hat Wrestling auf Stanišić solch einen Eindruck gemacht? Könnte das etwas damit zu tun haben, dass Wrestling und Literatur erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweisen? Zumindest ist die zitierte Passage aus Herkunft nicht das einzige Beispiel für einen Wrestlingbezug in der jüngeren deutschsprachigen Literatur: „Meine Damen und Herren, ich möchte mit Ihnen gerne über Wrestling sprechen. Keine Angst, ich habe mir das gut überlegt. Der Anlass, das heißt die Anwesenheit so vieler Menschen aus Literatur und Politik in einem Raum, ist dafür geradezu ideal.“ Mit diesen Worten begann der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz (zuletzt: Die Bienen und das Unsichtbare, Suhrkamp 2020) seine Eröffnungsrede zum 43. Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 in Klagenfurt.

Wirklich Wrestling? Wrestling als Thema der Literatur und der politischen Analyse? War Wrestling nicht diese Fake-Kampfsportart, bei der zwei muskelbepackte Proleten unter dem grölenden Jubel eines blutrünstigen Publikums aufeinander eindreschen? So oder so ähnlich sehen das heute immer noch die meisten. Clemens Setz erkennt in seiner Rede dagegen durchaus die Leistung der Athleten an. Jedoch zeichnet er ein Bild vom Wrestling, das Übereinstimmungen mit einigen negativen Seiten des Literaturbetriebs aufweist. Was ihn an den Darbietungen der Wrestler interessiert, betrifft den schauspielerischen Teil ihres Handwerks. Die Übernahme von Rollen und die Aufrechterhaltung derselben, wann immer sich Wrestler in der Öffentlichkeit zeigen, wird als Kayfabe bezeichnet. Setz beschreibt die Funktion dieses im Wrestling für lange Zeit heiligen Grundsatzes im Wrestling folgendermaßen:

„Wrestler dürfen niemals aus ihrer Rolle fallen, nicht einmal, so zumindest der Idealfall, wenn sie allein sind. Reale Freundschaften unter fiktiv verfeindeten Kollegen sind untersagt oder werden streng reglementiert. Das Prinzip Kayfabe wird in den großen Wrestlingverbänden zum Teil so dogmatisch umgesetzt, dass viele Profiwrestler in ihrem privaten Leben die vom Management über sie verhängte Persona wie selbstverständlich weiterspielen und sogar ausbauen. Sie vergessen nach und nach ihre Taufnamen und denken und sprechen über sich nur noch mit ihrem stage name“.

Wie im Märchen

Kayfabe und damit einhergehend die Aufrechterhaltung der suspense of disbelief war für die Wrestler in der Tat lange heilig. Fehlverhalten auf diesem Gebiet wurde streng bestraft. Berühmt ist ein Vorfall, der sich 1987 ereignete. Der als flaggenschwingender amerikanischer Patriot auftretende „Hacksaw“ Jim Duggan fuhr damals im Anschluss an eine Show gemeinsam mit dem einen USA-hassenden Iraner verkörpernden Iron Sheik im Auto nach Hause. Die Polizei stoppte den Wagen, weil er auffällig schlingerte. Als die Officers die Insassen überprüften, stellte sich heraus, weshalb: Duggan hatte Marihuana geraucht, der Sheik Kokain genommen. Die World Wrestling Federation, für die die beiden damals arbeiteten, entließ sie kurz darauf. Der Grund war allerdings nicht ihr Drogenkonsum. Duggan war ein Face, ein Fanliebling, während der Sheik einen Heel, einen von den Fans gehassten Bösewicht, mimte. Dass ein Face und ein Heel friedlich gemeinsam auf Reisen gehen könnten, war nicht vorgesehen und zerstörte die sorgsam aufrecht erhaltene Illusion. Duggan und der Sheik wurden dafür gefeuert, dass sie das Kayfabe gebrochen hatten. 

Wie im Märchen traten im Wrestling damals stets Bösewichte gegen Helden an. Die großen Storylinesliefen darauf hinaus, dass sich, ganz wie in Grimms Märchen, am Ende die gute Seite durchsetzen würde. Clemens Setz formuliert das wie folgt: „Der Kampf des Guten gegen das Böse ist die ewige Erzählung des Wrestling, ganz ähnlich wie in der Weltliteratur, und Kayfabe ist der Klebstoff, der alles im Innersten zusammenhält.“ 

Bereits lange vor Setz hat der Kulturphilosoph Roland Barthes die Zeichensprache des Wrestling in seinem 1957 erschienenen Band Mythen des Alltags (frz. Org.: Mythologies) untersucht. In Die Welt des Catchens verglich Barthes die Wrestling-Shows, die zu seiner Zeit freilich vielmehr Hinterhofveranstaltungen als Hochglanz-Mega-Events gleichkamen, mit dem antiken Theater. Hier wie dort erzeuge „ein schattenloses Licht eine rückhaltlose Emotion“. Sämtliche Gesten und Aktionen seien „mit totaler Klarheit ausgestattet, weil alles jederzeit auf Anhieb zu verstehen sein“ müsse. Es werde „das große Schauspiel von Schmerz, Niederlage und Gerechtigkeit“ aufgeführt, das unmittelbar zu den Zuschauern spreche und bei ihnen eine „Euphorie“ auslöse, die von der beglückenden Empfindung herrühre, für einmal das „uralte Bild von der vollkommenen Erfassbarkeit der Wirklichkeit“ vor Augen gestellt zu bekommen und „in der die Menschen für eine Weile der grundlegenden Uneindeutigkeit der alltäglichen Situationen enthoben sind.“ 

Es ist leicht verständlich, dass in einer Welt, die seit 1957 nicht gerade übersichtlicher geworden ist, das Bedürfnis nach wenigstens einer kurzweiligen Erkennbarkeit klarer Konturen eher zu- als abnimmt. Wenn sich die Zuschauer leidenschaftlich hinter das Face stellen und jede seiner Aktionen bejubeln, während sie die fiesen Attacken des Heels mit Buhrufen quittieren, wird deutlich, worauf das Spektakel im Kern abzielt: Es „ist ein rein moralischer Begriff: die Gerechtigkeit“ (Barthes). Auch im Hinblick auf seine moralische Funktion erzielt Wrestling also eine ganz ähnliche Wirkung wie das Märchen, das die Integrität der Welt dadurch beweist, dass am Ende die gutherzige Großmutter und das unschuldige Rotkäppchen wieder putzmunter sind, während der sündhafte Wolf mit dem Magen voller Wackersteinen in den Brunnen stürzt.

Kayfabe als Geißel des Literaturbetriebs

So weit, so harmlos. Setz’ Kritik am Wrestling entzündet sich an einem falschen, aus seiner Sicht gefährlichen Umgang mit Kayfabe. „Bei Wrestlern zeigt sich die absurde Endlosschleife, in der sie gefangen sind, in vielen Fällen so, dass gute und edle Charaktere sich nach ihrer Karriere im privaten Leben der Philanthropie, der Drogenprävention und dem Fitnesstraining zuwenden, während solche, die ihre ganze Laufbahn hindurch böse Figuren spielen mussten, auffallend häufig in Kalamitäten wie Alkoholabhängigkeit, Mafianähe oder gar in Gewaltverbrechen verwickelt werden.“ Dass Setz diese Behauptung nicht belegt, liegt daran, dass sie einfach vollkommen falsch ist. 

Setz übersieht gleich mehrere Faktoren, die seine stark vereinfachenden Thesen unterlaufen. Erstens scheint Setz nichts davon zu wissen, dass zum Wrestling Turns als integraler Bestandteil dazugehören. Entweder überraschend oder im Rahmen einer langfristigen Storyline wandelt sich bei einem Turn ein Face zu einem Heel oder umgekehrt. Manche Wrestler sind in ihrer Karriere so oft hin- und hergeturnt, dass es ihnen nach dem Karriereende sehr schwerfallen dürfte, zu entscheiden, ob sie sich nun in der Drogenprävention oder doch lieber in der Mafia engagieren sollen.

Wer sich dafür interessiert, der Psyche eines Wrestlers näher zu kommen, könnte sich Darren Aronofskys Film The Wrestler von 2008 ansehen. Doch auch hier beschränkt sich der innere Konflikt auf die Differenz der mit Ruhm und Glanz versehenen Rolle des abgehalfterten, von Mickey Rourke verkörperten Wrestlers zu seiner prekären realen Existenz. Sehr viel subtiler und psychologisch so glaubwürdig wie verstörend ist das Porträt des Tietam Brown, das der Wrestler Mick Foley in seinem Roman Wie die Helden (Kein & Aber 2004) zeichnet. Zwischen Sadismus und Masochismus, Alkoholsucht und dem Wunsch, zu vergessen, entsteht in dem Roman das vielschichtige Bild eines echten Menschen, der viel mehr ist als ein Gefangener in der Rückkopplungsspirale zwischen Fiktion und Realität. Zudem werden Elemente aus der Zeichensprache des Wrestlings auf drastische Weise überspitzt, wodurch bemerkenswerte literarische Effekte erzielt werden. Die Situation gerät aus dem Ruder, als Tietam Brown das Kayfabe bricht – und genau weiß, was er da tut…

An dieser Wrestling-Episode am Ende des Romans lassen sich die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Literatur und Wrestling hervorragend studieren. Ein Wrestler eignet sich deshalb so gut als literarische Figur, weil er – genau wie die Literatur – das souveräne Spiel mit Rollenbildern und mehreren ineinander verschränkten Realitätsebenen perfekt beherrscht. 

Zweitens ist Setz entgangen, dass das Kayfabe-Prinzip heute längst nicht mehr so streng gehandhabt wird wie in früheren Jahren. Selbst der Undertaker, der Kayfabe wegen seiner besonders cartoonigen Rolle – er verkörperte einen Untoten mit Superkräften – als einer der längsten aufrechterhielt, bricht heutzutage damit, wenn er dem eigenen Network von World Wrestling Entertainment Interviews unter seinem echten Namen Mark Calaway gibt und auf seine Karriere zurückblickt. Und schon Roland Barthes beschrieb in seinem Essay, wie sich die kunstvoll erzeugte Illusion am Ende einer Wrestlingshow auflöst, wenn der Wrestler „anschließend ruhig, unerkannt, mit einem Köfferchen in der Hand und seiner Frau am Arm, den Saal verläßt“. 

„Auch in der Schriftstellerzunft walten bis heute einige höchst sonderbare und lebensverkehrte Kayfabe-Regeln“, befindet Setz in seiner Rede und bezieht sich selbst sympathischerweise durchaus in die Kritik mit ein. Schriftsteller, die nur noch Schriftsteller spielen und sich in den zur Verfügung stehenden Storylines, in Klischeevorstellungen und den Erwartungshaltungen des Publikums verlören, seien nach Setz ein weitverbreitetes Phänomen. Zudem strickten auch politische und wirtschaftliche Akteure an für sie profitablen Storylines, die zu selten kritisch ausgeleuchtet würden. Die Forderung, die er aus seiner recht unpräzisen Analyse des Kayfabe-Begriffs für die Literatur ableitet, ist denn auch alles andere als verächtlich. Sie beschränkt sich darauf, Fiktionen zu schaffen, „die, selbst wenn man sie gnadenlos ernst nimmt, den Geschöpfen ihre Mündigkeit belassen“.

Kayfabe is dead – es lebe das Kayfabe

Sollte Setz mit seiner Analyse des gegenwärtigen Zustands von Literatur richtig liegen, wäre Wrestling der Literatur heutzutage in diesem Punkt voraus. Kayfabe gehört in seiner strengen Auslegung der Vergangenheit an. Bereits 1997 erklärte nämlich Vince McMahon, der mächtigste Mann im Wrestling-Zirkus, in einer Ausgabe seiner wöchentlichen Wrestling-Show Monday Night Raw, dass Wrestling inszeniert sei. „We in the WWF think that you the audience, are quite frankly tired of having your intelligence insulted“, sagte der Besitzer der größten Wrestlingliga der Welt damals.

Als McMahon sich hierzu bekannte, war das Wrestling-Business bereits gehörig auf den Kopf gestellt worden. Vor allem Paul Heymans Extreme Championship Wrestling (ECW) brach seit Mitte der 90er Jahre mit althergebrachten Rollenbildern, indem vielschichtigere und realistischere Charaktere präsentiert und Face– und Heelrollen verwischt wurden. Heyman mischte außerdem sogenannte Worked Shoots in sein Programm, bei denen die Wrestler die vierte Wand absichtlich durchbrachen. 

Der große Erfolg von ECW sorgte dafür, dass diese Art der Präsentation von Wrestling stilprägend wurde. Begleitet durch das Internet wurden immer mehr Hintergründe einbezogen, das viel besser informierte Publikum auf adäquate Weise als Mitwisser angesprochen. Es entwickelte sich ein freies und experimentelles Spiel mit den traditionellen Formen und Darstellungsweisen. 

Heute reagieren die Fans längst nicht mehr so unmittelbar auf das Geschehen, wie Barthes dies Ende der 50er Jahre beschrieb. Es hat sich stattdessen eine ironische Haltung des Publikums etabliert, das aus einer gewissen Distanz bereit ist, den authentischen Heel oder das überzeugende Babyface aufgrund seiner Fähigkeiten, die jeweilige Rolle auszufüllen, zu bejubeln oder auszubuhen. Der Respekt für die Kunstform Wrestling gebietet es, Kayfabe während der Show und während eines Matches gelten zu lassen. Es wäre aber albern, außerhalb des Ringes, in der Öffentlichkeit oder im Privatleben Kayfabe dogmatisch durchzuhalten. Als würde Silvester Stallone auch im Privaten einen psychotischen Veteranen oder einen in die Jahre gekommenen Boxer verkörpern (für welche seiner beiden Paraderollen würde sich Stallone übrigens entscheiden?).

Wie in der Literatur gibt es jedoch auch im Wrestling einen Dissens zwischen Traditionalisten und Progressiven. Verfechter eines Old-School-Stils wünschen sich die alten, festen Face– und Heelrollen zurück und die modischen Spielchen mit Fiktion und Realität zum Teufel. Aber eine Rückkehr zum Kayfabe alter Schule wird sich angesichts eines informierten und mündigen Publikums nicht erreichen lassen. Für die Literatur gilt dies vermutlich genauso. Statt das Kayfabe im Literaturbetrieb vollständig abzuschaffen, wäre es doch auch dort denkbar, ein freies Spiel mit Formen und Erwartungshaltungen zu etablieren, das dem Publikum seine Mündigkeit belässt. Ehrlich gesagt scheint dies auch weitestgehend der Fall zu sein. Schriftsteller, die ihre Rolle mit der Realität tatsächlich verwechseln, sind wohl genauso selten, wie Wrestler, die diesen gar nicht allzu schwer zu begreifenden Balance-Akt nicht hinbekommen. 

Flair vs. Michaels 

Ein Match, in dem das oben beschriebene Spiel mit den Zeichen, mit Andeutungen, gebrochenen Rollenbildern und der Erwartungshaltung des Publikums annähernd in Perfektion aufgeführt worden ist, war das Career Threatening Match zwischen Ric Flair und Shawn Michaels bei Wrestlemania 24, 2008 in Orlando, Florida. Flair, damals bereits 59 Jahre alt, hatte von Vince McMahon die Auflage bekommen, seine Karriere bei seiner nächsten Niederlage beenden zu müssen. Um sich zu beweisen, dass er noch mit den Besten mithalten konnte, forderte er den siebzehn Jahre jüngeren Shawn Michaels heraus, dessen Spitzname „Show Stopper“ ein schlechtes Omen für „Nature Boy“ Ric Flair sein sollte.

Als Flair in seiner glänzenden blauen, mit silbernen Applikationen versehenen Robe zu den Klängen von Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra zum Ring schreitet, ist der Himmel über dem Citrus Bowl Stadium bereits dunkel geworden. Goldenes Feuerwerk erleuchtet die Szenerie. Flairs zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre währende Karriere war von Erfolgen gespickt. Sechzehn Weltmeistergürtel und zahlreiche andere Auszeichnungen hatte er errungen. Mit seinen platinblonden Haaren, seinen unnachahmlich heißblütigen Interviews und seiner wrestlerischen Meisterklasse war er neben Hulk Hogan die Ikone des Wrestlings schlechthin. Obwohl er die meiste Zeit seiner Karriere einen Heel verkörpert hat, jubelt ihm das ganze Stadion an diesem Abend zu. 

In dieses Match steckt Flair noch einmal alles. Er nimmt Bump um Bump (Bezeichnung für die Stürze auf die Ringmatte), wobei er sich seit einem Flugzeugabsturz von 1975 immer ein wenig verdreht auf die rechte Seite fallen lässt. Als er einmal aufs oberste Seil klettert, gelingt es Michaels nicht, ihn von dort herunter zu werfen. In beinahe jedem Flair-Match hatte dieser Wurf vom obersten Seil dazugehört. Flair ruderte mit den Armen und bettelte um Gnade, doch seine Gegner warfen ihn jedes Mal auf die Matte. Nachdem es Flair an diesem Abend geschafft hat, Michaels von sich zu stoßen und stattdessen mit einem Flying Body Press, einer Aktion, bei der er den eigenen Körper in eine horizontale Flugposition bringt, zu Boden zu zwingen, ist der Jubel grenzenlos! 

Doch Michaels kann entkommen. Es entwickelt sich ein Kampf auf Augenhöhe. Keiner kann einen entscheidenden Vorteil erringen. Irgendwann ist Michaels davon so frustriert, dass er den Figure Four Leg Lock ansetzt, um Flair dadurch zu demütigen, ihn mit seinem eigenen Parade-Manöver in Rente zu schicken. Doch noch einmal kann Flair die Niederlage abwenden. Beide Kontrahenten stehen jetzt auf wackeligen Beinen, tauschen Schläge aus. Da trifft Michaels den „Nature Boy“ aus dem Nichts mit seiner Sweet Chin Music, einer Art hoch an das Kinn des Gegners gezielten Eselstritt, der ihm schon so viele Siege eingebracht hat.

Der „Show Stopper“ atmet durch und positioniert sich in der Ringecke. In der Mitte des Rings liegt Flair auf dem Boden und ringt mit den Tränen. Langsam kommt er auf die Beine und die Kamera fängt Michaels in Nahaufnahme ein. Von seinen Lippen können wir deutlich lesen, was er sagt: „I’m sorry. I love you“. Noch ein verheerender Tritt an den Kopf von Flair und diesmal bleibt er liegen. Es ist vorbei. 

Shawn Michaels’ Musik ertönt. Der „Show Stopper“ wirft sich auf den am Boden liegenden Flair, der jetzt hemmungslos weint. Er krallt sich in seine Haare, küsst die Stirn des „Nature Boys“, rollt sich zur Seite, bleibt für einen Moment auf dem Ringrand sitzen, bevor er Flair mit seinem Moment allein lässt. Die Kommentatoren haben bereits seit einiger Zeit nichts mehr gesagt. Auch im Stadion ist es gespenstisch still. Unter Tränen und aufbrandendem Applaus verabschiedet sich Flair von seinen Zuschauern. Seine Familie, die in der ersten Reihe sitzt, nimmt ihn weinend in Empfang. Von der Erschöpfung gebeugt, verlässt Flair über die lange Rampe das Stadion. 

Das Spiel mit den Zeichen

„Es gibt Leute, die Catchen für eine unwürdige Sportart halten. Aber das Catchen ist kein Sport, und es ist nicht unwürdiger, beim Catchen einer Darstellung des Schmerzes beizuwohnen als den Leiden eines Arnolphe oder einer Andromache“, schreibt Roland Barthes in den Mythen des Alltags. Jeder, der daran zweifelt, soll sich das Match zwischen Flair und Michaels ansehen. 

Es sind diese Momente, die „für ein paar Augenblicke der Schlüssel sind, der die Natur öffnet, die reine Geste, die das Gute vom Bösen trennt und das Angesicht einer endlich verständlichen Gerechtigkeit entschleiert“ (Barthes). In seinen größten Momenten ist Wrestling aber noch mehr. Es gründet auf einem „komplexe[n] Gefüge von Zeichen“, wie Barthes schreibt, und lebt von der Auseinandersetzung mit der Tradition. Nur von kundigen und aufmerksamen Zuschauern kann es ganz verstanden und goutiert werden. Darin gleicht es in der Tat der ganz großen Literatur.  

Der Text erscheint gleichzeitig auf der Wrestling-Seite CAGEMATCH.net

Foto: sinikolpos / pixabay.com

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