Als der Frieden nur im Bienenstock zu finden war – Norbert Scheuer: Winterbienen

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus ist in der deutschsprachigen Literatur seit jeher ein kontroverses und polarisierendes Thema. Wie lässt sich umgehen mit den Gräueltaten, den einsamen Tiefpunkten von Barbarei und Terror, dem unermesslichen Leid, der Frage von Schuld und Verantwortung, der bisweilen verschwimmenden Grenze von Täter- und Opferrolle? Und wie schließlich kann es gelingen, die Banalität des Alltags dieser Zeit literarisch, und damit künstlerisch zu durchformen? Norbert Scheuer entwirft in ‚Winterbienen‘ in stillen, unaufgeregten, bisweilen lakonischen Tönen Antworten auf diese Fragen und legt nebenbei einen der modernsten und einnehmendsten Romane der Gegenwartsliteratur vor.

Die Tagebuchaufzeichnungen des Ich-Erzählers aus den letzten beiden Kriegsjahren bestimmen den Verlauf der Romanhandlung. Er trägt den eigentümlich klingenden Namen Egidius Arimond, ist ehemaliger Gymnasiallehrer für Latein und blieb als Epileptiker vom Kriegsdienst verschont. Von seinem Vater hat er die Bienenzucht übernommen, womit er seinen Lebensunterhalt zu bestreiten versucht. Dabei geht dieser Egidius Arimond keiner Gefahr in der Kleinstadt Kall in der Eifel aus dem Weg: Er schmuggelt als Fluchthelfer Juden über die belgische Grenze und versteckt sie dafür in eigens präparierten Bienenkörben. In seiner Suche nach Liebe, Lust und Schönheit beginnt er eine leidenschaftliche Affäre mit der Frau des NS-Kreisleiters und nur seinem Bruder, einem erfolgreichen Piloten, der schützend die Hand über ihn hält, verdankt er schließlich sein Überleben.

Verwoben in die Tagebucheinträge von Egidius sind die Aufzeichnungen des Mönchs Ambrosius Arimond, einem seiner Vorfahren, der im 15. Jahrhundert erstmals Bienen in diese Gegend entlang der Mosel brachte und schließlich sein Kloster verlassen musste, weil er sich unheilvoll in ein Bauernmädchen verliebte. In dessen Aufzeichnungen findet Egidius Skizzen einer Theorie der absoluten Ähnlichkeit von Nikolaus von Kues, die das Zusammenspiel der kleinsten und größten Ähnlichkeit reflektiert. Und so gibt Egidius dem Leser das Verhältnis von Analogie und Antagonismus so berührend wie beunruhigend mit Nachdruck zu denken. Während über der Eifel immer lauter die Bomber kreisen, die Brutalität des Nationalsozialismus immer enthemmter wird und der Alltag immer schwieriger zu gestalten ist, bleiben die Bienen in ihrem ewigen Zyklus von sammeln, vermehren und überwintern in ihrem Frieden erhalten.

Diese Poetisierung des Bienenvolkes in kontrastiver Stellung zu der Zeit des Nationalsozialismus in der Provinz klingt bemüht, überzeugt in Scheuers Roman aber aufgrund der Handlungsstruktur, der Figurenkonstellation und seines unaufdringlichen Sprachstils. Norbert Scheuer verrät seine Figuren nicht, er bleibt ihnen treu, wenn alsbald klar wird, dass Egidius vor allem auch aus ökonomischen Gründen als Fluchthelfer agiert, um so die immer knapper werdenden Medikamente gegen seine epileptischen Anfälle finanzieren zu können. Als sich die Anfälle mehren, wird auch die Erzählsituation immer prekärer, bis hin zu einem unzuverlässigen Erzählen, dem nur noch bedingt zu trauen sein kann.

Während Takis Würger mit seinem literarisch unterkomplexen und stilistisch unzumutbaren Roman Stella, die Geschichte einer Jüdin, die im Rassenwahn selbst Juden verriet, in der schieren Suche nach Effekten versagt, gelingt Norbert Scheuer mit Winterbienen Bedeutendes: Die Zeit des Nationalsozialismus wird in ihrer Brutalität und Alltäglichkeit so authentisch wie poetisch nahbar.

Mit einer Herausgeberfiktion am Ende des Romans beansprucht Norbert Scheuer, dass ihm die Tagebuchaufzeichnungen von Egidius Arimond tatsächlich in der Bäckerei von Kall übergeben worden seien. Damit überschreitet Scheuer bewusst und kunstvoll die Schnittstelle von Fakten und Fiktionen. Er erweist sich so als ein entschieden moderner Schriftsteller, dessen Texte vermeintliche Aporien überwinden, indem sie  Realitätsebenen ineinander verschränken. Scheuer lässt seinen Protagonisten passende antike Aphorismen in sein Tagebuch notieren, lässt damit Gattungsgrenzen hinter sich und fügt Zeichnungen von Fliegerbombern ein, die genau wie die immer unzuverlässiger werdende Erzählperspektive zunehmend undeutlicher wirken.

Es ist diese Plurimedialität, eine unberechenbare, sich selbst riskierende Handlung und die unaufdringliche Tonalität von Winterbienen als einnehmende Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus, die Norbert Scheuers Roman zu einem der aussichtreichsten Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2019 werden lassen.

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