Eine heillose Jagd über die Grabstätten Europas – Leonhard Hieronymi: In zwangloser Gesellschaft

Von Jascha Feldhaus

Leonard Hieronymi schickt seinen Erzähler über die Friedhöfe Europas, immer auf der Suche nach Gräbern verstorbener Schriftsteller, um diese vor dem Vergessen zu bewahren. Die Reise führt ihn zu verschiedenen Protagonisten der europäischen Literaturgeschichte. Was wir von diesen erfahren ist nicht viel, die meisten Informationen gleichen Randnotizen. Die Suche ist vielmehr ein Spektakel, das der Selbstinszenierung dient. Muss man das lesen?

Den Plot des Roman bildet eine zehn Jahre zurückliegende Erfahrung, die der Protagonist – das Alter Ego des Autors – gemeinsam mit zwei Cousins und seinem Bruder in der Kallistus-Katakombe erlebt hatte. Damals überkam die vier zwischen den Grabstätten der Heiligen ein anhaltender Lachanfall, der sie von ihrer Touristengruppe trennte. Am Abend fragten sie sich, „ob nicht die Angst vorm Sterben und Verschwinden dieses Lachen ausgelöste hatte.“ Die Erkenntnis des im Sterben inbegriffenen Verschwindens ist dann auch der Grund für die einjährige Reise zu den Grabstätten europäischer Schriftsteller, von denen der Held annimmt, sie würden „früher oder später vergessen“ werden.

Die Friedhofsbesuche beginnen im heimatlichen Hessen in Frankfurt am Main. Sie führen den Erzähler nach Hamburg, wo eine Smartphone-App die unglaubliche Einzigartigkeit des Friedhofs Ohlsdorf hervorhebt und in den schier endlosen Weiten aus Gräbern und Wegen eine Orientierung bietet. Die Reise führt ihn nach Berlin, nach Wien, München, Mainz und wieder nach Hamburg. Dazwischen liegt noch die vergebliche Suche nach dem Grab von Ovid in Constanta, Rumänien. Ebenso vergeblich ist das gesamte Unterfangen des Protagonisten, dessen ungeduldige Suche nach den richtigen Gräbern zum Selbstzweck verkommt, da am Ende der Suche nichts vom eigentlichen Geist der Reise übrigbleibt.

„Nur mit einem hatten wir nicht gerechnet: Ein Friedhof mitten in Berlin ist ein Ort voller Touristen. […] Niemand von diesen Menschen hatte eine ‚Aufgabe‘, sie waren einfach nur da, sie waren mittelmäßige Existenzen. Sie schauten sich um, und sie verstanden nichts. Die totale Musealisierung Europas war gekommen und auch die Grabstätte nur ein Ausstellungsstück auf dem überfüllten Friedhof.“ – Was der Erzähler hier beklagt, mag seiner Ansicht nach eine reale Entsprechung auf den Friedhöfen Europas haben, wo die Gräber irgendwelcher Prominenter zum Spektakel für Schaulustige geworden sind. Doch ist das ebenso bezeichnend für sein Vorhaben, wenn er doch dem Vergessen Einhalt gebietend sich auf die Reise früherer Schriftsteller macht. Das eigene Selbstbild dadurch als edler zu erkennen, indem sich vermeintlich ohne touristischen Grund auf den Weg macht, sich also einer scheinbar ernsten „Aufgabe“ annimmt, verklärt die eigene Position. Zudem ist doch ein Museum schließlich ein Ort für die Konservierung und Bereitstellung von kulturellen Gütern, das besucht werden kann. Wieso also sollte es problematisch sein, wenn man dieses besucht, ohne dabei eine große „Aufgabe“ zu verfolgen. Am Ende führt beides doch dazu, dass Vergessen zu verhindern. – Immerhin kommt der Erzähler noch zu folgender Erkenntnis: „Europa war ein großer Friedhof, voll mit verscharrten Dichtern, deren Bilder aber noch so groß waren wie ein ganzes Land oder wie ein ganzer Kontinent.“

Leonhard Hieronymi stellt uns in seinem Roman einen intellektuellen Erzähler vor, der einem interessanten Gedanken nachjagt: das dem Sterben inhärente Vergessen. Das mag eine gute und spannende Idee sein, scheitert hier aber in einem verklärten Versuch, der bei Nietzsche anfängt und auch aufhört, und darin selbst „im wohlgefälligen Nichts“ endet. Denn die haufenweise intertextuellen Bezüge zum Zarathustra triefen vor schmierigem intellektuellem Gehabe, sodass den Gedanken jede Originalität abhanden kommt. Ob es das dritte Gewitter ist, das sich über ihm ausbreitet, oder das lustige Zusammentreffen einer Schweizer Rentnergruppe an der Donau bei Cetate, dem er gezwungenermaßen beiwohnt und in dessen Mitte sich der Enkel von Hermann Hesse, Silver Hesse, quasi als bezaubernder Gast hervortut. Die Bezüge sind klar: Übermensch und Dichterkritik oder Das Eselfest, Der Zauberer und Von den Dichtern, um nur ein paar aus Nietzsches Magnum Opus zu nennen. Leider versagen sie aber in ihrer Umsetzung und Wirkung: „Vor ein paar Wochen, als ich in die Foundation gezogen war, hingen Gewitter über Bulgarien, die Blitze hatten die langsam flussaufwärts ziehenden Schipper in unheimliche Tiere verwandelt“.

Die eigene Inszenierung scheint dem Autor sehr wichtig zu sein, wenn man sich sein kurzes Videoportrait anschaut, das vor seinem Auftritt beim diesjährigen Bachmannpreis gezeigt wurde, oder das tiefsinnig-wichtigtuerische Geschwafel auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Das ist in Ordnung. Wenn darin aber die Qualität des literarischen Vorhabens verloren geht, dann bleibt am Ende auch von der eigenen Person nicht mehr viel übrig. Ob sich dann jemand auf die Suche nach Hieronymi machen wird, bleibt wenigstens mit diesem Roman zweifelhaft, kann In zwangloser Gesellschaft doch zu keinem Zeitpunkt überzeugen. Weder die Sprache noch die Umsetzung der Motive oder der Gedanken gelingt, oder um es mit Philipp Tinglers Worten zu sagen: „Eine unterdurchschnittliche, eine nur mittelmäßige geistige Durchdringung.“ (Jurygespräch, ab 11:50) – Dann kann man gleich bei den Originalen bleiben, dort findet man wohl auch mehr als bei Hieronymis scheinbarer Suche nach den Schriftstellergrabstätten Europas, denn befreien davon kann er sich offensichtlich nicht.


Leonhard Hieronymi: In zwangloser Gesellschaft
Hoffmann und Campe 2020
240 Seiten / 24 Euro

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