Interview: Katholische Radfahrer und Trennlinien im Zickzack

Von Pascal Mathéus

Ein Gespräch mit Michael Braun über das Verhältnis von Literatur und Politik

Prof. Dr. Michael Braun leitet das Literatur-Referat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch im Corona-Lockdown setzt sein Referat die Zusammenarbeit mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern fort. Mit Pascal Mathéus hat er über die Literaturförderung der politischen Stiftungen, linke und rechte Ästhetiken und die Rolle der Literatur bei der Formung einer zeitgemäßen deutschen Identität gesprochen. 

Michael Braun / Foto: Irina Hron-Öberg

Aufklappen: Wie verhält es sich mit der Trennung von Ästhetik und Moral in der Literatur? Wir hatten den Fall Monika Maron im letzten Jahr. Beurteilen Sie ihre Bücher anders, seitdem sie sich radikal gegen Einwanderung gestellt hat und vor Islamisierung warnt? 

Michael Braun: Das ist eine grundsätzliche Frage. Oscar Wilde hat einmal sinngemäß zu bedenken gegeben, was es über das Geigenspiel aussagt, wenn sich der Geiger politisiert. Natürlich liest man die Bücher anders, wenn sich der Autor anders verhält. Auf der anderen Seite ändert sich aber nichts an dem Inhalt der Bücher. Monika Maron hat in den 1980er-Jahren mit ihren Büchern über die Umweltsünden in der ehemaligen DDR ein wichtiges Thema bearbeitet. Sie hat damit auch einen Fall aus der Endgeschichte der ehemaligen DDR mitgeschrieben. Ihr jüngeres politisches Engagement kann man aus verschiedenen Blickwinkeln sehen, aber ich plädiere dafür, zunächst das literarische Werk zu lesen und die Diskussion über die politische Haltung der Autorin davon etwas abzulösen. 
Für diese Haltung hat der Literaturkritiker Ulrich Greiner in der Christa-Wolf-Debatte vor nunmehr 30 Jahren den Ausdruck „Gesinnungsästhetik“ verwendet. Das ist ein merkwürdiges Wort, zusammengeraunt aus der Philosophie von Max Weber und Postulaten des deutschen Feuilletons. Es zeigt, wie nötig, aber auch wie schwer es ist, Moral und Ästhetik auseinanderzuhalten. Eine Trennlinie zu ziehen, geht höchstens im Zickzack. Und die Grenzen wandeln sich andauernd. Wo soll man etwa Peter Handke und Botho Strauß verorten, die einen hohen ästhetischen Anspruch an ihr Werk haben, für Interviews und öffentliche Veranstaltungen in der Regel nicht zur Verfügung stehen, aber manchmal aus ihrem Elfenbeinturm ausbrechen, um zum Balkankrieg oder zur nationalen Frage Stellung zu beziehen? Sind das noch politische Autoren? 

Wie politisch soll Literatur denn eigentlich sein? Sollte sie politische Zwecke verfolgen?

Wer definiert das? Für die einen kann Literatur gar nicht politisch genug sein. Für andere ist Literatur viel zu sehr politisch. Ich glaube, es hängt an der Frage, was man von Literatur erwartet. Wenn man Literatur als Instrument im Meinungskampf sieht und mit Heinrich Heine verlangt, der Dichter solle sich auf die Zinnen einer Partei stellen, dann hat man eine sehr hohe Erwartung. Man erwartet dann, dass ein Buch mit politisch aktuellem Inhalt auch politisch etwas bewirken kann. Dabei vollziehen sich die Änderungen, die von einem Werk in die Gesellschaft ausstrahlen, doch in der Regel immer sehr langsam.
Man kann ja zum Beispiel fragen: Wie spiegeln sich wichtige politische Ereignisse in der Literatur? Etwa der Mauerfall, die deutsche Einheit und die neue deutsche Hauptstadt Berlin. Es erschallt ja immer wieder im Feuilleton der Ruf nach dem großen deutschen Roman, nach dem Berlinroman. Wer hat den geschrieben? Man kann da sehr viele Autoren zu Rate ziehen. 1995 gab es eine ganze Reihe von Kandidaten: Günter Grass mit Ein weites Feld, Bernhard Schlink mit Der Vorleser, Erich Loest mit Nikolaikirche, Thomas Brussigs Helden wie wir, Hans Pleschinskis Brabant – alles Romane mit großer Wirkung. Aber inwiefern sind das die großen deutschen Romane, die den Deutschen so etwas wie Identität, Selbstverständnis, politisches Bewusstsein gegeben haben? Darüber lässt sich trefflich streiten.
In Amerika wird ständig die Great American Novel ausgerufen – ein Konzept, dass sich auf den American Dream zurückbezieht, der sich dann in einem Werk manifestieren soll. Der letzte große „deutsche Traum“ war ein sehr gefährlicher, politisch totalitärer und ideologisierter Alptraum vom sogenannten „Tausendjährigen Reich“. An diesem negativen Erbe hat sich die Gegenwartsliteratur bis heute abgearbeitet. Natürlich gibt es in Deutschland auch eine positive demokratische Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht – die Paulskirchenverfassung etwa oder die Weimarer Verfassung 1918/19. Aber diese Tradition hat keine so große Literaturgeschichte. Wenn man mit der deutschen Identität heute in der Literatur etwas anfangen will…

Meinen Sie, dass sich die Literatur dieser Aufgabe stellen sollte?

Nun ja, das Feuilleton erwartet es. Viele Autoren kennen es und viele Romane erzählen davon. Damit beantwortet sich die Frage eigentlich von selbst. Eigentlich ist das ja ein sehr spannendes Konzept, wenn Literatur von Deutschland und den Deutschen erzählt in einem Zeitalter diverser Kulturen und großer Herausforderungen vom Terrorismus bis hin zu Pandemien. Auch die Literatur mit Migrationshintergrund beschäftigt sich ja damit. 

Wäre nicht zum Beispiel Herkunft von Saša Stanišić ein aktueller Roman, der so etwas wie einen zeitgemäßen „Deutschen Traum“ beschreiben könnte? Ein Roman über Deutschland als Einwanderungsland und über die Eingliederung von Migranten in die deutsche Gesellschaft.

Ja, das ist ein sehr gutes Beispiel. Das gebrochene Erzählen bei Stanišić ist sehr interessant. Es gibt da keine lineare Erzählung, sondern eine Aufteilung in Erinnerungen, Reflexionen, einzelne Erzählstimmen. Eine sehr vielseitige Herangehensweise an das Verhältnis von Literatur und Politik. 
Ein anderes Beispiel wäre Marica Bodrožić, eine in Dalmatien geborene und als Kind mit ihren Eltern nach Hessen gekommene Autorin, die Deutsch als zweite Muttersprache bezeichnet. In ihren Essays und Romanen kommt auch sie einer deutschen Identität auf die Spur, die andere Identitäten mit aufnimmt und in diesem Wechsel zu einer europäischen Identität auf Basis einer weltbürgerlichen Einstellung macht. Die Politik, die aus den Texten von Bodrožić ausstrahlt, ist ein ganz wichtiges Element für politische Bildung. Marica Bodrožić hat einen Essay mit dem schönen Titel Sterne erben, Sterne färben geschrieben. Aus diesem Essay sind Teile in zwei Bundesländern Klausurthemen fürs Abitur geworden. Ungewöhnlich für die Gegenwartsliteratur. 

Offensichtlich muss man in der Tat nicht immer fragen, was Literatur „soll“, sondern es reicht völlig, zu schauen, was Literatur „macht“. Und an Politik ist Literatur nun mal interessiert, weil sie am Zusammenleben von Menschen und der Entwicklung von Gesellschaften interessiert ist. Damit wäre sie immer schon politisch. Wir haben eben von Literatur gesprochen, die eine Vielstimmigkeit und eine Gebrochenheit abbildet und dennoch die Möglichkeit verfolgt, diese verschiedenen Identitäten zusammen zu bringen. Verweist die Ästhetik von Literatur in eine eindeutige politische Richtung? Gibt es linke und rechte politische Ästhetiken? 

Ich glaube nicht. In der Theorie vielleicht, aber in der Praxis einem Autor dem linken oder rechten Spektrum zuzuweisen, würde nur dann passen, wenn sich ein Autor als politischer Mensch outet, wie etwa Grass in den 1960er-Jahren mit seinem Bekenntnis zur Sozialdemokratie. Es gibt da eine ganz grundsätzliche Unterscheidung. Vor einigen Jahren gab es mal in der Zeit einer Debatte über Politik und Literatur. Da ging es auch um die CDU, und Jens Jessen schrieb einen Artikel mit der Überschrift Wer denkt für die CDU?. Natürlich eine Frage mit Untertönen. Daraufhin hat Norbert Lammert, der Präsident des Deutschen Bundestages war und derzeit Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung ist, mit einem Artikel geantwortet, der die Überschrift Wir denken selbst trug.
Kein Autor hat sich meines Wissens seit Grass wieder so stark von einer Partei vereinnahmen lassen, wie er damals von der SPD. Die Literatur ist frei. Natürlich gibt es Tendenzen. Natürlich gibt es die Gefahr des Beifalls von der falschen Seite. Aber das ist eine Frage der Rezeption des Buches und nicht die Frage danach, was im Buch steht oder wie der Autor erzählt.
Paul Celan hat in seinen Notizen einmal Rechts- und Links-Nibelungen unterschieden. Dabei ging es um Antisemitismus. Die Nibelungen sind die ultratreuen Gefährten aus dem deutschen Mythos. Sie stehen für ideologische Positionen, die sich in der Rezeption schnell verfestigen, vor allem, wenn der Autor zu deutlich und zu schnell Stellung bezogen hat. Ich bin der Ansicht, dass ein literarisches Werk für sich und zum Leser spricht. Der Autor hat allenfalls das Privileg, der erste Leser seines Werkes zu sein. Das Schicksal des Buches ist dann natürlich auch die Politik. Ein Schicksal in der Lesegemeinde, im Streit verschiedener Gruppen.

Sie würden die Deutungsoffenheit von Texten also verteidigen. 

Ja, mit Umberto Eco würde ich für die Offenheit des Kunstwerks argumentieren. 

Sonst landen wir bei der alten Frage, was der Autor mit seinem Text gewollt habe. Einen Versuch möchte ich trotzdem noch mit linker und rechter Ästhetik machen: Martin Walser hat in seiner Frankfurter Poetikvorlesung Selbstbewusstsein und Ironie versucht, eine bürgerliche Ironie von einer echten, progressiven Ironie zu unterscheiden. Während die bürgerliche Ironie, für die er etwa Thomas Mann ins Feld führt, daran interessiert sei, die bestehenden Verhältnisse in ihrer Unveränderlichkeit in Szene zu setzen, stelle die progressive Ironie auf ätzende Weise Missstände heraus, indem sie sie mit den Mitteln der Parodie bloßstellt. Sie glauben nicht, dass man mit solchen Kategorien Unterscheidungen treffen kann? 

Schwierig. Die Poetikvorlesungen von Walser liegen jetzt ja auch schon wieder fast 40 Jahre hinter uns. Walser greift da auf ein Konzept von Romantischer Ironie zurück, das etwas schwierig in unsere Zeit zu übertragen ist. Ich würde den Ironiebegriff Walsers eher in seinem Werk verorten: Ironie als Affirmation. Walser sagt selber, dass die Ironie in seinen Romanen das ‚Ja‘ der Helden zu dem ‚Nein‘ sei, das die Verhältnisse zu ihnen sagen. Wenn Sie diese Heldenreihe mal durchmustern, diese Angestellten aus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, um mit Helmut Schelsky zu sprechen, die abhängig sind von Hierarchien und von ihren eigenen überhöhten politischen Erwartungen, werden Sie sehen, wie diese Helden bei Walser immer älter, immer pathologischer, immer schwächer gegenüber den Verhältnissen werden. Das ist eine Ironie, die sich im Werk selbst gegen die Helden richtet. Das Gute an dem Walser’schen Erzählen ist, dass sich die Helden wacker damit auseinandersetzen. Es gibt Todesfälle in den Romanen Martin Walsers, aber auch eine sehr hohe Überlebens- und Rettungsquote dieser Helden. Das sind nicht unbedingt tragisch scheiternde Helden, sondern sie wursteln und kämpfen sich immer irgendwie durch. Ich finde, das ist auch ein politisches Narrativ: In einer Demokratie, die in der Praxis oft nicht gerade der American Dream aller Regierungsformen ist, versucht man trotzdem – oder gerade wegen dieser Form der Demokratie –, in schwierigen Zeiten und bei extremen Meinungskontroversen Kurs zu halten. 

Eine sehr spannende Walserexegese! Vom Kurshalten in der Demokratie können wir vielleicht ganz gut zu einem anderen Punkt kommen. Eine ihrer Aufgaben ist die Leitung des Literaturreferats in der Konrad-Adenauer-Stiftung. Können Sie ihre Tätigkeit in dieser Position kurz beschreiben?

Nun, zuvörderst ist die Förderung von Kunst und Kultur eine Satzungsaufgabe der Konrad-Adenauer-Stiftung, und dem wird mit einer eigenen, bereits 1992 begründeten Kulturabteilung Rechnung getragen. Es gibt einen Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, der mittlerweile auch bekannt ist und renommierte Preisträger vorweist. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich Herta Müller, die 2004 den Preis bekommen hat und von Joachim Gauck laudiert wurde. Fünf Jahre später kam dann der Nobelpreis – da gibt es zwar keine eindeutige Kausalkette, die für jeden Preisträger gelten würde, aber es freut uns natürlich sehr, dass viele Autoren, die den Preis bekommen haben, auch international große Anerkennung erfahren. Viele von ihnen sind durch den Preis noch einmal stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt worden, Daniel Kehlmann etwa und in den 1990er Jahren Thomas Hürlimann. 
Daneben gibt es verschiedene Lesungs- und Erfahrungsformate. Ich möchte zwei hervorheben, die sich über die letzten Jahre etabliert haben: Das eine ist eine Autorenwerkstatt, bei der jährlich zwölf bis vierzehn Autoren in Cadenabbia am Comer See zusammenkommen. Die Autoren lesen in Adenauers ehemaligem Urlaubs- und Arbeitsdomizil aus unpublizierten Werken und diskutieren darüber mit Kritikern und Literaturwissenschaftlern. Das Ganze geschieht intra muros und bewahrt sich diesen Werkstattgedanken, dass man work in progress vorstellt und dann ganz offen darüber diskutiert. 
Das andere Beispiel ist eine Reihe von Konferenzen mit europäischen Germanisten, Professoren und Studierenden, mit Politikern und Journalisten, über wechselnde Themen und an wechselnden Orten, in Berlin und in den Kulturhauptstädten Europas, zuletzt in Novi Sad. Dabei geht es um die Rolle der deutschen Sprache in Europa, um Erinnerungskultur, um Bürgerlichkeit, um Literatur und Politik, um die Weimarer Mediendemokratie 1918-1932, um literarische Brücken für Europa. Die nächste Berliner Tagung ist über Demokratie im Ausnahmezustand angesichts der Pandemie geplant. Wir hoffen alle, dass das dieses Jahr auch in Präsenz stattfinden kann. Da kommen 60 bis 70 Germanisten und Studierende aus insgesamt siebzehn europäischen Ländern zusammen, um über diese Themen zu diskutieren. 

Die anderen politischen Stiftungen haben ein solches Literaturreferat nicht, wenn ich richtig sehe.

Natürlich machen die auch Literaturarbeit. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Literatur-Konferenzen in der Eifel veranstaltet. Auch die Böll-Stiftung macht natürlich Kulturarbeit. Sie haben aber schon recht: Die Adenauer-Stiftung macht relativ viel. Und der Literaturpreis ist sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal. 

Hat das etwas mit einem bürgerlichen Verständnis von Bildung zu tun? 

Der Auftrag der Stiftung ist auch ein kultureller Auftrag. Das Herzstück dieses Auftrags ist der Gedanke der Freiheit. Dieser Freiheitsgedanke gehört zu den Verfassungsaufträgen, die im Grundgesetz verankert sind. Angewandt auf Literatur und Kunst ist die Freiheit ein hohes Gut, dass es einerseits zu schützen gilt – die Kunst ist frei –, für die andererseits der Staat aber auch einen Rahmen setzt. Da sind wir wieder beim Verhältnis zur Politik. Was muss der Staat tun, um die Freiheit der Künstler zu garantieren? Das ist eine wichtige Frage auch in Zeiten der Pandemie, in der Autoren zu Hause sitzen und schreiben, aber keine Möglichkeit haben, auf Lesungen oder Tagungen zu gehen, um damit Einnahmen zu erzielen. 

Kann die Adenauer-Stiftung in dieser Situation etwas tun, um die Arbeit der Autoren weiterhin zu ermöglichen? 

Es gibt Künstlerstipendien und ausgewählte Programme, derzeit nicht so viele wie in der Vor-Corona-Zeit, aber intensive und wirkungsvolle. Im letzten Jahr gab es bei uns den Blog „Komm, ins Offene!“ mit Autoren-Beiträgen zur Corona-Situation, jetzt bald kommt ein neuer Blog mit Künstlergesprächen. Wir haben viele Kulturveranstaltungen auf digitale Formate umgestellt. In der Literatur gibt es eine Reihe von studio lesungen online mit Autoren, die dafür natürlich ein Honorar erhalten. Das ersetzt den Autoren aber weiß Gott kein Monatsgehalt. 

Sie haben gesagt, dass die politischen Stiftungen in den Prozess involviert sind, in dem der Rahmen gebaut wird, der für die Freiheit von Kunst nötig ist. Man könnte natürlich auf den Gedanken kommen, dass es auch eine Gefahr darstellen könnte, wenn das Verhältnis zwischen Politik und Literatur zu nah ist. Wirkt Politik auch auf Literatur ein? Wie verhindern Sie, dass sich ein zu großes Näheverhältnis ergibt? 

Ich traue es den Autoren selber zu, das zu bewerten. Wenn ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin Autoren zu sich ins Kanzleramt einlädt, können die Autoren selbst entscheiden, ob sie die Einladung annehmen. Und sie können entscheiden, wie sie dort auftreten und wie sie das in die Öffentlichkeit tragen wollen. Wir leben in einer Demokratie. Es bedarf eines lebendigen und kontroversen Austauschs von Haltungen, Positionen und Ansichten – gerade auch zwischen Literaten und Politikern. Es kann der Demokratie nur guttun, wenn sich dieser Austausch in dem Rahmen bewegt, der vom Grundgesetz und einem demokratischen Grundverständnis bestimmt wird, und wenn der Dialog die jeweilige Eigengesetzlichkeit der Kunst ebenso wie der Politik akzeptiert. Es wäre fahrlässig, das zu vermischen oder zu vertauschen.
In Nicht-Demokratien, wie der DDR, der SED-Diktatur, gab es die Rollen von sogenannten Staatsdichtern – Beispiel: Christa Wolf. Das sind Autoren von großer literarischer Kraft, aber es handelt sich auch um Autorinnen und Autoren, die die Politik sehr nah an sich herankommen lassen haben. Der Vorwurf des Staatsdichters ist für viele Autoren ein Sturz vom Sockel gewesen. Gerade bei Christa Wolf: Als 1990 die Erzählung Was bleibt diskutiert wurde, war das so heftig, dass sie sich nur sehr schwer davon erholt hat. Es ging nicht nur um Christa Wolf. Sondern es ging ganz grundsätzlich um das Verhältnis von Literatur und Politik. Wenn man den Ursprung dieser Frage verfolgt, wie Literatur und Politik heutzutage zueinander stehen, dann landet man bei den Auseinandersetzungen 89/90. Da wurden Weichen gestellt und unser heutiges Literaturverständnis, unser Verständnis von dem Verhältnis von Literatur und Politik wurde geprägt.
Das frühere Verständnis hat Günter Grass mal sehr gut zusammengefasst. Der konnte ja nicht nur exzellent und spannend erzählen, sondern auch politische Statements formulieren, die in bester Heine’scher Tradition standen. Günter Grass war kein „Gesinnungsästhet“. Er hat zwar zeitweise auf den Zinnen einer Partei gedichtet, aber sonst war er immer auch selbstreflektiert. Grass also hat gesagt: Ein politischer Dichter ist wie ein katholischer Radfahrer. Woran merkt man, dass der Radfahrer katholisch ist? Und wenn der Radfahrer eine Soutane anhat, dann spielt das doch keine Rolle für sein Radfahren.

Er muss etwas aufpassen, dass sie nicht in die Kette gerät. 

Genau! So kann man das Adjektiv politisch auch verstehen. Die Extreme sind, entweder zu sagen, das Politische in der Literatur ist immer da – sogar in Science Fiction und im Märchen –, oder man kann sagen, nur die Literatur ist politisch, die eine direkte politische Botschaft hat und unmittelbar etwas ändern will. Die Realität politischer Literatur bewegt sich wahrscheinlich ständig zwischen diesen beiden Polen und neigt manchmal mehr der einen und manchmal der anderen Seite zu. 

Foto: FelixMittermeier / pixabay.com

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