„Ein Grauer unter bunten Vögeln“ – Monika Helfer: Vati

Wenig ist so ambivalent wie die eigene Familie, die sich zugleich heimisch anfühlt und doch immer etwas Rätselhaftes behält. Die Auseinandersetzung mit ihr und die Positionierung zu ihr sind Fragen, die zeitlos sind und uns ein Leben lang begleiten. Monika Helfer nimmt uns mit auf eine Reise durch Kindheitserinnerungen und Familienlegenden. Damit erschafft sie nicht nur ein liebevoll nostalgisches Bild ihres Vaters, sondern eine sensible Beschreibung der besonderen Beziehung zwischen Kindern und Eltern.

Beim Häuten der verdorbenen Zwiebel – Norbert Gstrein: Der zweite Jakob

„Natürlich will niemand sechzig werden“, heißt es am Anfang von Norbert Gstreins neuem Roman. Wenn durch das Erreichen dieser Schwelle tatsächlich solche Prozesse in Gang gesetzt werden, wie sie der österreichische Autor in Der zweite Jakob beschreibt, wird man nicht widersprechen wollen. Gstrein zeigt ein verkorkstes Leben, das von außen nach Erfolg und Erfüllung aussieht. Welthaltig, wuchtig und melancholisch – ein großer Roman. 

Schuldgefühle und Trauerbewältigung – Jasmin Schreiber: Der Mauersegler

Eine hektische Flucht durch Vergangenheit und Gegenwart hat Jasmin Schreiber in ihrem Roman Der Mauersegler zu Papier gebracht. Bei den unerwarteten Kurven und Kunststücken, welche die Handlung immer wieder vollführt, ist es nicht ganz leicht, die Übersicht zu behalten. Gelingt es aber, dem Mauersegler zu folgen, setzt die Geschichte ungeahnte Emotionen frei.

Archäologie der ersten Liebe – Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle

Mit Peter Stamm ist es ein bisschen so wie mit Udo Jürgens. Wenn man nüchtern auf seine Texte schaut und einzelne Sätze betrachtet, müsste einem wohl manches kitschig erscheinen. Doch weil er seine empfindsamen Figuren in glaubhafte Erzählungen einbettet und sich bei der Beschreibung ihrer Gefühlszustände in Genauigkeit übt, berühren seine Romane und Erzählungen. Das gilt auch für Das Archiv der Gefühle – mit Einschränkungen.

Atemlos durch die Welt | Zeit | Sprache – Bov Bjerg: Deadline

Dieser Roman ist genauso stressig wie die Welt, in der er entstanden ist. Genauso stressig und genauso zynisch und lustig, verzweifelt und traurig. Der neugegründete Kanon Verlag hat in seinem ersten Programm den weitgehend unbekannten Debüt-Roman von Bov Bjerg neu herausgebracht. Das ist ein Glück, denn Deadline bietet die vielleicht zutreffendste Beschreibung unserer beschleunigten Welt.

Von Frau zu Frau – Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Eine junge Frau, die von Rostock in das Berlin der 1920er Jahre kommt, ihre Urenkelin die in einem ganz anderen Berlin – dem Berlin von heute – lebt und damit beginnt, ihre Familiengeschichte zu erforschen: Das ist der Stoff des Debütromans der Journalistin Alena Schröder. In ihrer sich über vier Generationen erstreckenden Familiengeschichte erzählt die Autorin von existentiellen Problemen, die individuell und universal zugleich sind.

Pathos und Ironie – Interview mit Thomas Hettche

Die Insel Hiddensee zu verlassen, ist niemals leicht. Dieses Mal war unser Abschiedsschmerz aber besonders heftig. Wir mussten nämlich just an jenem Donnerstag abreisen, auf den der Freitag folgte, an dem Thomas Hettche im Garten des Hauptmann-Hauses aus seinem jüngsten Roman Herzfaden lesen sollte. Zu schade, dass uns das entgehen würde, dachten wir, als wir am Mittwochmorgen Brötchen holen gingen. Doch welch Glück! Vor dem Inselbäcker saß Thomas Hettche Kaffee trinkend und rauchend und fand sich auch noch sogleich dazu bereit, mit uns über Literatur zu sprechen. Er berichtete uns von seinen literarischen Vorbildern, sprach von Ironie und Pathos und von der Komplexität des Erzählens.