Beim Häuten der verdorbenen Zwiebel – Norbert Gstrein: Der zweite Jakob

Von Pascal Mathéus

„Natürlich will niemand sechzig werden“, heißt es am Anfang von Norbert Gstreins neuem Roman. Wenn durch das Erreichen dieser Schwelle tatsächlich solche Prozesse in Gang gesetzt werden, wie sie der österreichische Autor in Der zweite Jakob beschreibt, wird man nicht widersprechen wollen. Gstrein zeigt ein verkorkstes Leben, das von außen nach Erfolg und Erfüllung aussieht. Welthaltig, wuchtig und melancholisch – ein großer Roman. 

Den Helden aus Norbert Gstreins neuem Roman bedroht ein schreckliches, unausweichliches Ereignis: Er steht kurz vor seinem 60. Geburtstag. Weil er, Jakob Thurner, ein einigermaßen berühmter Schauspieler ist, soll aus diesem Anlass eine Biographie erscheinen. Nicht nur der Biograph macht Thurner mit seinen Zudringlichkeiten zu schaffen, sondern auch seine Tochter Luzie, die sich an der Aufarbeitung seiner Vergangenheit mit unliebsamen Fragen beteiligt. Was das Schlimmste gewesen sei, dass er in seinem Leben getan habe, möchte sie von ihm wissen. Thurner wird dadurch auf die sorgsam verdrängten Ereignisse eines Filmdrehs in der mexikanisch-amerikanischen Grenzregion zurückgeworfen. 

Gstrein inszeniert in den Episoden um das Filmset einen Motivkomplex, in dessen Zentrum der Begriff ‚Grenze‘ steht. Es geht um die handfeste, mit Hubschraubern und Zäunen gesicherte Grenze zwischen den USA und Mexiko, aber ebenso um die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld und Wahrheit und Fiktion. Eingebettet sind diese Konflikte in eine aufgedreht-amerikanische Umgebung, die dem Gehirn Quentin Tarantinos entsprungen sein könnte.

Wenn Gstrein seinen Helden in einer Episode verächtlich aussprechen lässt, es ginge jemandem in einem Gespräch darum, „milimetergenau die Grenze festzulegen, wo der Spaß endete und der Ernst begann“, lässt sich das als Kritik an einer hypermoralischen Wokeness-Kultur lesen. Dadurch, dass er das Ganze aber mit dem Motiv der Grenze zwischen Staaten verschränkt hat, drängt sich unweigerlich die Frage auf, warum man eigentlich in dem einen Fall darauf pochen sollte, dass es keine objektive Grenze gäbe, während man es im anderen nicht in Frage stellen würde. Identitätspolitik neigt eben immer zum Totalitären – egal ob sie von links oder rechts kommt. Höchst erfreulich – und gar nicht selbstverständlich –, wie hier ein Autor fortgeschrittenen Alters souverän mit den Diskursen der Gegenwart umgeht, ohne sich über sie zu mokieren oder sich selbst lächerlich zu machen.

Thurner, aus dessen Perspektive die Romanhandlung erzählt wird, präsentiert sich als unzuverlässiger Erzähler. Seine dritte Frau konfrontiert ihren Exmann an einer Stelle mit der Frage, ob „es sowas wie die Wirklichkeit für dich überhaupt gibt“. Tatsächlich ist sein Bezug zur Realität nicht nur qua Beruf gebrochen. Er weist Züge von Verfolgungswahn auf, scheint mehr oder weniger Alkoholiker zu sein und neigt zu Wutausbrüchen. 450 Seiten im Kopf von Jakob Thurner lassen diesen verquasten Typen zu einer unvergesslichen Figur werden. Die Faszination rührt vor allem daher, dass die genannten Verschiebungen zur Wahrheit sprachlich meist nur angedeutet werden und deshalb in verschiedene Richtungen interpretierbar bleiben. 

Die tragende Säule des Romans bildet das Zwiegespräch von Jakob Thurner mit seiner Tochter Luzie. Grundsätzliche Generationenkonflikte um unterschiedliche Moralvorstellungen, um gegenseitige Sorge und versäumte Verantwortung scheinen auf. Es lässt sich aber vor allem trotz mutmaßlich geschönter Bilanz kaum übersehen, wie unmöglich der Vater sich immer wieder gegenüber seiner Tochter verhalten hat. Einmal bezahlte er einem Freund von Luzie 5.000 Euro, damit er sie in Ruhe ließe, ein anderes Mal las er heimlich in ihrem Tagebuch. Es finden sich sogar Andeutungen, dass er übergriffig geworden sein könnte, auch wenn er das natürlich zurückweist.

Schicht für Schicht kommt in diesem großangelegten, beziehungsreichen Roman die überwiegend jämmerlichen Beweggründe für kleine und größere Vergehen ans Licht. Ein durchschnittliches Leben besteht höchstwahrscheinlich aus mehr Geheimnissen, aufgeladener Schuld und Duckmäusertum, als jeder von uns zuzugeben bereit wäre. Mit seiner schillernden Schauspielerfigur erinnert uns Norbert Gstrein schmerzhaft daran. 

* * *


Norbert Gstrein: Der zweite Jakob
Hanser 2021
448 Seiten / 25 Euro

Kaufen im Shop der

#supportyourlocalbookstore

Foto:  Erda Estremera / unsplash.com

Ein Kommentar zu „Beim Häuten der verdorbenen Zwiebel – Norbert Gstrein: Der zweite Jakob

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s