Überraschende und gleichzeitig etwas großspurige Auftritte bezeichnet man für gewöhnlich mit dem Ausdruck „Paukenschlag“. Das würde dem grandiosen, völlig übergeschnappten Debütroman von Leander Fischer jedoch nicht gerecht werden. Zu grazil ist ‚Die Forelle‘ gearbeitet, zu filigran ist das Besteck, mit dem der 1992 im oberösterreichischen Vöcklabruck geborenen Schriftsteller scheinbar nur das Fliegenfischen, in Wahrheit aber die ganze Welt auseinandernimmt. Ein besonderes, aus der Zeit gefallenes Buch.
Schlagwort: Roman
Gefangen im eigenen Leben – Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige
Seit ihrem Debüt-Roman ‚Relax‘ (1997), mit dem sie sich als neue weibliche Stimme in der deutschen Popliteratur etablierte, schreibt Alexa Hennig von Lange fast jedes Jahr ein neues Buch. Jugend- und Kinderliteratur, Gesellschaftsromane, ein Sachbuch und ein Theaterstück. Ihr jüngstes Buch ist der historische Roman ‚Die Wahnsinnige‘. Eine Anregung zur Beschäftigung mit drängenden Fragen von heute.
Ins Ungewisse hinein fragen – Hans Eichhorn: Ungeboren
Hans Eichhorn konnte sein vorletztes Buch selbst noch einmal in der Hand halten, ehe er mit nur 64 Jahren am 29. Februar 2020 (demselben Tag wie Alfred Kolleritsch, ein langjähriger Freund Eichhorns und der Begründer der Zeitschrift Manuskripte, für die Eichhorn gelegentlich geschrieben hat) starb. ‚Ungeboren‘ wirkt mit Blick auf den frühen Tod des Autors wie eine vorausschauende Ahnung, die sich dem Ungewissen in bekennender Unwissenheit gegenüberstellt. Ein wundervolles Prosastück für das eigenste Sein.
#bsoffeninwien – Stefanie Sargnagel: Dicht
Es gibt Bücher, die machen durstig. ‚Herr Lehmann‘ z.B. oder ‚Wem die Stunde schlägt‘ (achten Sie mal auf die Weinbeschreibungen). ‚Dicht‘ von Stefanie Sargnagel reiht sich in diese feuchte Tradition ein, ohne jedoch das Niveau eines Hemingway oder gar den Witz eines Regener zu erreichen. Aber okaye Unterhaltung ist es doch.
Blues in Dur – Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt
Dass das Leben nur in der Rückschau verstanden und nur mit Blick nach Vorn gelebt werden kann, lehrte uns Søren Kierkegaard. Die ‚Unschärfe der Welt‘, der neue Roman von Iris Wolff, ist Bericht, Biografie, Einsicht und Aussicht zugleich und erfreut mit großartiger Sprachschönheit.
„‚Gehirn…‘, sagten die Körperfresser immer wieder mit ihren toten Stimmen“– Lola Randl: Die Krone der Schöpfung
Das Virus rast noch immer dahin und die Schriftsteller*innen hinken hinterher. Unter dem wachsamen Auge der Literaturkritik versuchten sie in den vergangenen Monaten, die Pandemie in den Griff zu bekommen, in Coronatagebüchern, -briefen und -blogs. Doxographen gleich hechelten sie der Flut an schon Gesagtem nach, dass das Virus mit sich spülte, während sie es aufzugreifen, zu ordnen und zu bändigen versuchten. Doch für eine zeitlose Erzählung von hoher literarischer Qualität waren sie viel zu nah am Zeitgeschehen, jeder Versuch musste scheitern. Und seien wir ehrlich: Wer will mitten in der Pandemie einen Coronaroman lesen? Die Filmregisseurin und Autorin Lola Randl hat das erkannt und sich dem Virus angepasst.
Götterblut und dunkler Schmerz – Anna Stern: das alles hier, jetzt.
„In der Literatur gibt es nur die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz“, dekretierte Reich-Ranicki bekanntlich einmal. Seit der Frühzeit der Dichtung gehören beide sogar untrennbar zusammen, sind doch Erleben und Erleiden des Verlusts eines geliebten Menschen ein vertrautes Sujet. Doch wie kann man heute noch vom Tod erzählen angesichts der Fülle und des Gewichts der Tradition? Die Gefahr ist nicht gering, zu wiederholen, in Pathos und Kitsch zu versinken oder sich in die Ironie zu flüchten, um der Schwere des Themas zu entgehen. Doch nichts von all dem widerfährt Anna Stern. Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie behutsam, und gleichzeitig mit welcher poetischen Kraft man aktuell noch von Tod, Verlust und Schmerz schreiben kann, muss ihren Roman „das alles hier, jetzt.“ lesen.
„Gott, der begnadete Trash-Regisseur“ – Hilmar Klute: Oberkampf
Zwischen dem Anschlag auf die Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ und dem auf das Bataclan lässt Hilmar Klute seinen zweiten Roman ‚Oberkampf‘ spielen. Seinen Helden Jonas hat er für ein Schriftsteller-Biographieprojekt nach Paris geschickt. ‚Oberkampf‘ ist der ambitionierte Versuch, aus der allerneuesten Geschichte Literatur zu formen. Gelingt das auf überzeugende Weise?
Bergweh – Martina Altschäfer: Andrin
Wer kennt sie nicht, die Sehnsucht nach einem spontanen Exit aus dem Alltag: Ausbrechen aus dem Trott und plötzlich an einen heilen, schönen Ort springen. Martina Altschäfers Debütroman ‚Andrin‘ entführt die Protagonistin Susanne an einen solchen Flecken. Das Setting ist im wahrsten Sinne des Wortes gut und schön, aber der Funke springt nicht über. In erster Linie liegt das am Storytelling der Autorin, die hauptberuflich Malerin ist: Sie lässt durch Worte zwar Sehnsuchtsbilder entstehen, eine überzeugende Erzählung wird daraus aber leider nicht.
Eine heillose Jagd über die Grabstätten Europas – Leonhard Hieronymi: In zwangloser Gesellschaft
Leonard Hieronymi schickt seinen Erzähler über die Friedhöfe Europas, immer auf der Suche nach Gräbern verstorbener Schriftsteller, um diese vor dem Vergessen zu bewahren. Die Reise führt ihn zu verschiedenen Protagonisten der europäischen Literaturgeschichte. Was wir von diesen erfahren ist nicht viel, die meisten Informationen gleichen Randnotizen. Die Suche ist vielmehr ein Spektakel, das der Selbstinszenierung dient. Muss man das lesen?










