Ein lauwarmer Schrei nach Liebe – Leif Randt: Allegro Pastell

‚Allegro Pastell‘ ist ein merkwürdiges Buch. Obwohl es weder sprachlich noch inhaltlich Außergewöhnliches bietet, hat es in der Literaturkritik heftigste Erregungen ausgelöst. Ijoma Mangold nennt es in der ZEIT „definitiv eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur“ und stellt gar in Aussicht, „eine neue Jugendbewegung“ könne daraus entstehen. Andere Kritiker fühlen sich so sehr von den Figuren der Randtschen Welt provoziert, dass sie ihnen an den Hals wünschen, es mit „Problemen zu tun [zu] bekommen, die nicht alle unmittelbar nur etwas mit ihrer eigenen Empfindsamkeit zu tun haben“. Woher kommt diese Erregung? Was macht diesen Roman so atemberaubend gut – und so verdammt traurig?

Werk ohne Autor – Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Norbert Paulini hat sich radikalisiert. Die Hauptfigur in Ingo Schulzes neuem Roman ist einer jener hasserfüllten Abgehängten, von denen dieser Tage so viel zu hören ist. Aber ist er das wirklich? Ja und nein. Einerseits geht es 30 Jahre nach der Wende tatsächlich noch einmal um die untergegangene DDR und um jene, die vom Wandel in die Knie gezwungen worden sind. Andererseits nähert sich Schulze seiner exzentrischen Romanfigur über drei grundverschiedene Erzählperspektiven, sodass am Ende keine Gewissheit mehr übrigbleibt. Höchstens eine: Dieser Roman ist unvergesslich.

Wilder Osten – Fremder Westen – Lutz Seiler: Stern 111

Lutz Seiler musste dieses Buch schreiben. In der DLF-Kultur-Vorstellungsrunde mit den fünf Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse gab er an, dass der nun vorliegende Roman der letzte gewesen sein soll, bevor er zu seinem eigentlichen Metier – seinem „Heimathafen“ –, den Gedichten zurückkehren könne. Was bedeutet es aber, ein Buch schreiben zu müssen? Und welche Rolle spielt diese Not für die Leser eines solchen Romans? Ist das nur literarische Pose oder ein Geheimnis guter Literatur?

Wenn ich die Welt durch deine Augen seh – Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand

Gelegentlich ist von alten Eheleuten zu hören, die sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen. Das Ehepaar Greilich ist darüber längst hinaus. Sie haben aufgehört, einander zu bemerken. Jan Peter Bremer wirft einen jungen Mann in diese Gemengelage, der die beiden Alten noch einmal in Wallung bringt. Es zeigt sich jedoch rasch: Ihre verkorkste Beziehung kann auch dieses Ereignis nicht mehr retten. Jeder hofft für sich allein.

Fehlversuch – Simone Lappert: Der Sprung

Eine Kleinstadt befindet sich im Ausnahmezustand. Im erfundenen Schwarzwald-Städtchen Thalbach steht eine junge Frau in grüner Latzhose auf einem Hausdach und wirft mit Ziegeln nach den untenstehenden Gaffern. Der Prolog verrät uns: Sie wird springen. Wie die Gesellschaft sie dazu zwang, erzählt der Roman von Simone Lappert auf ungewöhnliche Weise. Dafür wird die Autorin allseits gefeiert. Nicht von uns.

Polterabend – Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Im Mittelpunkt von Miku Sophie Kühmels Debütroman Kintsugi stehen vier Menschen: Max und Reik, ein schwules Pärchen, sowie Tonio und Pega, Vater und Tochter. Die vier treffen sich für ein Wochenende in dem Ferienhaus von Max und Reik, sie haben eingeladen. Die Handlung ist geprägt von Wechseln zwischen kürzeren dramatischen Szenen und längeren Ich-Erzählsträngen der einzelnen Protagonisten: zuerst Max, dann Reik, Tonio und abschließend Pega. Für die Autorin hätte das Debüt wohl kaum besser ausfallen können, immerhin hat sie es mit ihrem Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis 2019 geschafft. Aber warum eigentlich?

Graustufen – Jackie Thomae: Brüder

Ein Vater, zwei Söhne und viele Welten. Thomaes Roman verhandelt überzeugend, wie vielseitig sich das Leben denken und führen lässt und wie eng individuelle Konflikte trotzdem beieinander liegen können. Im Kern handelt der Text von zwei Männern mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen. Die beiden verbindet jedoch nur, dass sie denselben afrikanischen Vater haben, der während seines Studiums in der DDR kurzweilig eine Beziehung zu zwei Frauen geführt hatte. Die Brüder Mick und Gabriel wissen nichts voneinander und kennen ihren Vater bis zum Ende der Erzählung genauso wenig. Das Einzige, das er ihnen zunächst hinterlassen hat, ist seine Hautfarbe, die nicht nur bei den im Roman auftretenden Frauen für Begeisterung sorgt, sondern auch im Feuilleton.

Wie landet man den Anchor Punch? – Stefan Moster: Alleingang

Freddy ist frei. Entlassen aus dem Gefängnis – und das bereits zum dritten Mal in seinem Leben. Was fängt man mit der Freiheit an, wenn man nicht einmal verstanden hat, wie es so weit kommen konnte? Er streift sich die alte Lederjacke über, wirft die Sporttasche über die Schulter und zieht los. Wohin soll er gehen? Er zögert die Entscheidung hinaus und schwelgt in Erinnerungen.