Werk ohne Autor – Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Von Pascal Mathéus

Norbert Paulini hat sich radikalisiert. Die Hauptfigur in Ingo Schulzes neuem Roman ist einer jener hasserfüllten Abgehängten, von denen dieser Tage so viel zu hören ist. Aber ist er das wirklich? Ja und nein. Einerseits geht es 30 Jahre nach der Wende tatsächlich noch einmal um die untergegangene DDR und um jene, die vom Wandel in die Knie gezwungen worden sind. Andererseits nähert sich Schulze seiner exzentrischen Romanfigur über drei grundverschiedene Erzählperspektiven, sodass am Ende keine Gewissheit mehr übrigbleibt. Höchstens eine: Dieser Roman ist unvergesslich. 

In Dresden gab es einst einen paradiesischen Ort. Dort hing an der Tür ein Schild mit der Aufschrift „Antiquariat und Buchhandlung Dorothea Paulini, Inh. Norbert Paulini“. Die größten Liebhaber und die profundesten Kenner der Literatur – und solche, die es noch werden wollten – verkehrten damals dort. Ihnen stand in Norbert Paulini ein nahezu allwissender Führer durch die Welt der Bücher zur Seite, der alles kannte und alles besorgen konnte, was seiner Meinung nach zur wertvollen Literatur zu zählen war. 

Doch so idyllisch, wie der Roman anfängt, kann es natürlich nicht bleiben. Es kommt die Wende und mit ihr der Verlust aller sicher geglaubten Werte. Bücher haben keinen hohen Marktwert und landen ungeachtet ihrer Einzigartigkeit in Massen auf der Müllhalde. Als dann noch das Internet auf den Plan rückt, wird alles nur noch schlimmer. Paulini findet sich in dieser Welt nicht mehr zurecht und sieht überall nur noch Feinde. Statt weiter zu lesen, drängt es ihn nun zur Tat. Böses liegt in der Luft. Der erste Teil des Romans endet mit einem Verhör des gealterten Antiquars durch zwei Polizisten.

Es ist überaus bemerkenswert, wie es Schulze gelingt, mit nur wenigen kurzen Bemerkungen zum Charakter, einigen Schlüsselerlebnissen aus der Kindheit und schließlich diesem oder jenem Vorkommnis im Laufe des Erwachsenenlebens den Wandel vom sonderbaren, aber neugierigen Jungen zum halsstarrigen Grantler und schließlich zum gewaltbereiten Wutbürger begreiflich zu machen. Doch wie sehr darf dieser Kunstfertigkeit getraut werden? Was ist mit den beachtlichen Lücken in der Erzählung, die in nur wenigen Seiten von der unmittelbaren Nachwendezeit zur großen Flutkatastrophe von 2002 und schließlich in die Gegenwart springt, bevor sie während des besagten Polizeibesuchs mitten im Satz abbricht?

All diese Fragen werden im zweiten Teil keineswegs geklärt. Vielmehr stellen sie sich immer dringlicher. Nach dem abrupten Ende des ersten Teils meldet sich nämlich nun ein Schriftsteller namens Schultze zu Wort, als dessen gegenwärtige Arbeit sich die unvollendete Novelle um den Antiquar Nobert Paulini herausstellt. Er selbst gehörte damals zu denjenigen jungen Besuchern, die von Paulini durch Bücher und Gespräche allerhand Anregung erfahren hatten. Dies brachte ihn auf den Gedanken, dem inzwischen zurückgezogen in der Sächsischen Schweiz lebenden Paulini ein literarisches Denkmal zu setzen. Doch damit nicht genug. Während der Arbeit an seiner Novelle verliebt sich Schultze in seine alte Bekannte Elisabeth, die unterdessen zur ständigen Gefährtin Paulinis geworden ist. Diese vertrackte Situation nimmt kein gutes Ende. Von Mördern ist ja schließlich schon im Titel des Romans die Rede.  

Der Paulini der Gegenwart, der am Ende des zweiten Teils in einem längeren Gespräch mit Schultze zu Wort kommt, kollidiert mit allem, was Schultze über den Paulini der Vorwendezeit zu berichten hatte. Dieser Paulini strahlt eine Bedrohlichkeit aus, die sich beim Lesen körperlich bemerkbar macht. Die Kontraste zwischen den sich gegenseitig bespiegelnden Teilen des Romans machen die Lektüre zu einem so überaus aufregenden Erlebnis. Dies wird dadurch noch verstärkt, dass durch Episoden, die Schultze aus seinem eigenen Leben erzählt, immer wieder Einblicke in seine Arbeitsweise als Schriftsteller ermöglicht werden. Wenn sich z.B. die Beschreibung der Waden seiner Vorderfrau auf einer Wanderung mit der Beobachtung aufs Haar gleicht, die dem jungen Paulini auf einem Ausflug mit seinem Vater unterstellt wird, erscheint plötzlich die ganze Geschichte fragwürdig. 

Das dachte sich auch Schultzes Lektorin. Ihr hat Ingo Schulze im dritten Teil seines Romans das Wort erteilt. Sie setzt sich in den Kopf, die Rätsel um Paulinis Existenz und die Schwierigkeiten ihres Schriftsteller-Schützlings bei der Abfassung seiner Novelle aufzuklären. Es ist wohl nicht nötig, zu verraten, dass auch ihre Spurensuche mehr Fragen als Antworten hinterlässt.

Obwohl sich die drei Erzählperspektiven sehr voneinander unterscheiden, sind sie alle hervorragend erzählt. Schulze findet für jede die richtigen Worte, egal, ob es um den verklärenden Ton einer idyllischen Legende, die fiebrige Stimme eines mit sich und der Welt ringenden Schriftstellers oder um den von Marketing und der politischen Diskussion der Gegenwart geprägten Blick der Lektorin geht. Wenn auch keine dieser Ansichten die Wahrheit kennt, sind sie doch alle wahrhaftig. Mit beeindruckender Leichtigkeit hat es Schulze fertiggebracht, in ihnen und zwischen ihnen große Fragen der Literatur, der Bildung und der Zeitgeschichte zu verhandeln. Er lässt seine Figuren dabei eine Reihe bemerkenswerter Urteile aussprechen und fällt doch durch seine literarische Technik der kunst- und welthaltigen Verwirrung niemals in Rechthaberei. 

Zuletzt scheint auch noch eine ganz aktuelle Debatte Eingang in den Roman gefunden zu haben: In einem Buch, in dem es unter anderem um die Qualität der politischen Urteile von Büchermenschen geht, klingen die folgenden Sätze der Lektorin doch höchst vertraut und verdächtig: „Schriftsteller dürfen lügen! In ihren Büchern dürfen sie das. Wer sich auf Homer beruft, auf Dante und Goethe…“. Hier wird auf einen anderen Literaten unserer Tage angespielt, der sich kürzlich auf eine ganz ähnliche Ahnenreihe berufen hat. Auch in dieser Debatte ging es um die Frage, was Wahrheit ist, wie verschiedene Textsorten anders mit ihr umgehen und ob Literaten die Moral stets auf ihrer Seite haben müssen. 

Als Schriftsteller schlägt sich Schulze auf keine Seite. Indem er zwar für das Recht der Literatur eintritt, sich einer autonomen Sprache und eines eigensinnigen Blicks zu bedienen, gleichzeitig aber mit seinem Norbert Paulini das Paradebeispiel eines trotz seiner Liebe zur Literatur auf die völlig schiefe Bahn geratenen moralischen Irrläufer entworfen hat, macht er nur deutlich, wie schwierig es ist, in solchen Fragen ein Urteil zu fällen. Die rechtschaffenen Mörder ist ein großes ernstes Spiel, ein umwerfender Roman und ein raffinierter Debattenbeitrag. 

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder
Fischer 2020
318 Seiten / 21 Euro

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