Gerade angekommen und dann irgendwie nicht. Ivna Žic erzählt die Geschichte einer Protagonistin, die sich ständig von einem Ort zum nächsten bewegt: von Novi-Zagreb nach Zürich, von Paris zu der Insel, auf der ihre Großmutter alleine wohnt. Auf ihrer ununterbrochenen Reise erfahren wir viel aus ihrem Leben, das dazwischen stattfindet. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart sind dabei die Bezugspunkte für die Gedankenwelt der Nachkommenden. Durch diese aus Zeit- und Ortwechseln verwobene Reise gelingt es der Autorin, die Lebens- und Erinnerungswelten der Ich-Erzählerin dem Leser so zu eröffnen, dass das Gefühl entsteht, man sitze neben ihr.
Schlagwort: Rezension
„Es läuft gut für die Menschheit“ – Sibylle Berg: GRM. Brainfuck
Sexsklaverei, Sozialkaufhäuser, Snuff-Videos – all diese Themen wurden bereits einmal in Literatur abgehandelt. In richtig guter Literatur. Sibylle Berg führt diese Absonderlichkeiten der gegenwärtigen Sozio- und Technosphäre in einer Gesamtschau zusammen und fügt ihnen noch Wut und Hass und eine kaum zu überbietende Grausamkeit hinzu. Alles abgemischt mit dem harten Sound von Grime. Perverse Punchlines. Brutale Nachhallefekte. Totale Überorchestrierung. Kann das genießbar sein?
Die besten Geschichten schreibt das Internet – Berit Glanz: Pixeltänzer
Nicht viele Romane tragen der Allgegenwärtigkeit des Internets so gründlich Rechnung wie ‚Pixeltänzer‘. Es gibt heute nicht mehr das Leben auf der einen und das Internet auf der anderen Seite. Beide Sphären durchdringen sich ganz und gar. Berit Glanz’ Debütroman handelt von dieser Verschränkung und von den sich daraus ergebenden veränderten Bedingungen für das Geschichtenerzählen selbst.
Fehlversuch – Simone Lappert: Der Sprung
Eine Kleinstadt befindet sich im Ausnahmezustand. Im erfundenen Schwarzwald-Städtchen Thalbach steht eine junge Frau in grüner Latzhose auf einem Hausdach und wirft mit Ziegeln nach den untenstehenden Gaffern. Der Prolog verrät uns: Sie wird springen. Wie die Gesellschaft sie dazu zwang, erzählt der Roman von Simone Lappert auf ungewöhnliche Weise. Dafür wird die Autorin allseits gefeiert. Nicht von uns.
Feste Nahrung fürs Gewissen – Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land
Jenseits des österreichischen Nirgendwo liegt, auf seine Vertilgung durch ein Erdloch unbekannter Größe wartend, Groß-Einleben. Es ist die Kulisse zu einem Schauspiel um eine Gesellschaft, deren einzige Anstrengung die Bewahrung des kollektiven Glaubens an die eigene moralische Unversehrtheit zu sein scheint. In ihrem Roman vermisst Raphaela Edelbauer die Aktualität und den Sinn heimatfühliger Identitätsversprechen.
„Schon wieder hat jemand den Ball verloren“ – Tonio Schachinger: Nicht wie ihr
Der Held in Schachingers Debütroman ist der siebenundzwanzigjährige Profifussballer Ivo. Er kann mit Freunden über Frauen reden, nicht aber über die Gefühle, die ihn beschäftigen. Nicht über das Gefühl, das Mirna in ihm ausgelöst hat, als er sie kürzlich aus dem bequemen Innern seines Bugatti heraus am Eingang eines Einkaufszentrums stehen sah. Das plötzliche Erscheinen seiner Jugendliebe überschwemmt Ivo mit Gefühlen, die er zuerst einordnen muss. Kommt er mit ihnen zurecht?
Polterabend – Miku Sophie Kühmel: Kintsugi
Im Mittelpunkt von Miku Sophie Kühmels Debütroman Kintsugi stehen vier Menschen: Max und Reik, ein schwules Pärchen, sowie Tonio und Pega, Vater und Tochter. Die vier treffen sich für ein Wochenende in dem Ferienhaus von Max und Reik, sie haben eingeladen. Die Handlung ist geprägt von Wechseln zwischen kürzeren dramatischen Szenen und längeren Ich-Erzählsträngen der einzelnen Protagonisten: zuerst Max, dann Reik, Tonio und abschließend Pega. Für die Autorin hätte das Debüt wohl kaum besser ausfallen können, immerhin hat sie es mit ihrem Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis 2019 geschafft. Aber warum eigentlich?
Als der Frieden nur im Bienenstock zu finden war – Norbert Scheuer: Winterbienen
Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus ist in der deutschsprachigen Literatur seit jeher ein kontroverses und polarisierendes Thema. Wie lässt sich umgehen mit den Gräueltaten, den einsamen Tiefpunkten von Barbarei und Terror, dem unermesslichen Leid, der Frage von Schuld und Verantwortung, der bisweilen verschwimmenden Grenze von Täter- und Opferrolle? Und wie schließlich kann es gelingen, die Banalität des Alltags dieser Zeit literarisch, und damit künstlerisch zu durchformen? Norbert Scheuer entwirft in Winterbienen in stillen, unaufgeregten, bisweilen lakonischen Tönen Antworten auf diese Fragen und legt nebenbei einen der modernsten und einnehmendsten Romane der Gegenwartsliteratur vor.
Graustufen – Jackie Thomae: Brüder
Ein Vater, zwei Söhne und viele Welten. Thomaes Roman verhandelt überzeugend, wie vielseitig sich das Leben denken und führen lässt und wie eng individuelle Konflikte trotzdem beieinander liegen können. Im Kern handelt der Text von zwei Männern mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen. Die beiden verbindet jedoch nur, dass sie denselben afrikanischen Vater haben, der während seines Studiums in der DDR kurzweilig eine Beziehung zu zwei Frauen geführt hatte. Die Brüder Mick und Gabriel wissen nichts voneinander und kennen ihren Vater bis zum Ende der Erzählung genauso wenig. Das Einzige, das er ihnen zunächst hinterlassen hat, ist seine Hautfarbe, die nicht nur bei den im Roman auftretenden Frauen für Begeisterung sorgt, sondern auch im Feuilleton.
Drache vs. Großmutter – Saša Stanišić: Herkunft
Wovon handelt ‚Herkunft‘? Von gestern, heute und morgen. Vom Erzählen an Aral-Tankstellen und dem Weissagen aus Nierenbohnen. Von Krieg und Flucht, Friedhöfen und Gräbern, aber auch von der Unbeschwertheit und dem Übermut, den es braucht, um mit freiem Oberkörper lauthals Eichendorff zu rezitieren. Aberwitz und Melancholie sind in fast allen Episoden miteinander vermengt, wobei mal das eine, mal das andere vorherrscht. Das Buch ist von einer sinnlichen und gedanklichen Fülle, an der man sich berauschen kann. Es macht glücklich und tieftraurig.










