Klanglose Tonalität – Robert Seethaler: Der letzte Satz

Von Clemens Hermann Wagner

In seinem neuen Roman Der letzte Satz lässt Robert Seethaler den Komponisten Gustav Mahler kurz vor seinem Tod in wärmende Decken gewickelt übers Meer blicken und sich dabei eklektisch an Episoden aus seinem Leben erinnern. Wie viel hielten Leben und Werk Mahlers bereit – und wie banal und unterkomplex gestaltet Seethaler seinen Roman.  

Zu einer bewährten und kommerziell erfolgversprechenden Strategie des Literaturbetriebes ist es in den letzten Jahren geworden, eine berühmte Persönlichkeit der Geistesgeschichte zur Hauptfigur eines Romans zu küren, sie menschlich, allzu menschlich zu zeichnen und damit für den Leser nahbar werden zu lassen. Zu denken sei etwa nur an Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt (2005), in dem das Zusammentreffen der beiden Genies Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß facettenreich und kongenial beschrieben wird; oder Zwei Herren am Strand (2014) von Michael Köhlmeier, der mit den beiden Giganten Winston Churchill und Charlie Chaplin die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts zwischen Komik und Ernst zu reflektieren sucht; oder Markus Orths’ Roman Max (2017), der das lange Leben des bildenden Künstlers Max Ernst entlang seiner sechs großen Lieben erzählt. Auch Robert Seethaler bediente sich in seinem 2012 veröffentlichten und vielfach gelobten Roman Der Trafikant erfolgreich dieser Strategie, indem er Sigmund Freud im Wien der 1930er Jahre auftreten ließ, ihn aber durch die Augen des jugendlichen Helden schilderte, der gerade seiner ersten großen Liebe begegnete und nun unglücklich vom Herrn Professor Hilfe in Fragen der Liebe erhoffte.

In Der letzte Satz wählt Seethaler, sich seiner selbst als Erzähler offenbar zu sicher, erneut diesen Stil des Erzählens: Gustav Mahler, der gefeierte und weltberühmte Komponist und Dirigent der Jahrhundertwende, sitzt im April 1911 auf dem Deck eines Ozeandampfers. Todkrank, ermüdet von seinem nervösen Leben und seiner aufreibenden Arbeit hat er seine Konzertverpflichtungen in Amerika absagen müssen und ist auf dem Weg zurück nach Europa. Es sollte Mahlers letzte Reise werden, wenige Wochen später wird er sterben und so lässt Seethaler seinen Protagonisten auf die Weiten des Meeres und dabei auf sein bewegtes Leben zurückblicken. Eigentlich trüge diese Ausgangssituation ein schier unermessliches Potential in sich (dieser Protagonist! diese Frau an seiner Seite! dieser gesellschaftspolitische und kulturelle Kontext! diese Musik!), doch gerät Seethalers Der letzte Satz zu einem Roman der verpassten Chancen, der weder der Persönlichkeit, geschweige denn der Kunst Gustav Mahlers auch nur in Ansätzen gerecht wird.

Die Rahmenhandlung – Mahler sitzt und erinnert sich – wird von Seethaler mühsam durch einen namenlosen Schiffsjungen in Gang gesetzt, der dem kränkelnden Herrn Direktor Tee bringt, ohne natürlich genau zu wissen, wen er da eigentlich bedient, nur dass er eine Berühmtheit sein muss, denn sonst wären Teile des Sonnendecks ja nicht extra für ihn abgetrennt worden. Hier zeigt sich unmittelbar Seethalers Unvermögen in diesem Roman, glaubwürdige und lebensgesättigte Dialoge zu schreiben. „‚Kann ich noch etwas für Sie tun, Herr Direktor?‘ ‚Ja. Wirf mich ins Meer.‘ ‚Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verstanden habe?‘ ‚Schon gut. Bring mir noch einen Tee.‘ ‚Selbstverständlich, Herr Direktor!‘“. Erstaunt sieht sich der Leser immer wieder solch armselig gestalteter Dialoge ausgesetzt, die dann jäh von Szenen aus dem Leben Mahlers unterbrochen werden, an die Seethaler seinen Gustav Mahler zusammenhangslos in einer Reihe von Rückblenden denken lässt. Mal ist es das erste Treffen mit seiner späteren Frau Alma, der Beginn seiner Tätigkeiten als Direktor der Wiener Hofoper, dann der viel zu frühe und schmerzliche Tod seiner Tochter, die Affäre von Alma mit Walter Gropius, Mahlers Begegnung mit August Rodin in Paris, die sagenhafte Uraufführung seiner VIII. Symphonie und schließlich das Treffen mit Sigmund Freud im niederländischen Leiden.

Doch all diesen Episoden, die wohl als biografische Höhe- oder Wendepunkte im Leben Gustav Mahlers gelesen werden wollen, fehlen im Roman durchgehend eine existenzielle Tiefe und Ernsthaftigkeit. Auf schmalen 128 Seiten bleibt Mahler durch die allzu selbstgenügsame Erzählweise Seethalers konturenlos und blass. So oberflächlich und trivial lässt sich das aufreibende Leben dieses Menschen nicht erzählen.

Schon ein flüchtiger Blick in die Selbstzeugnisse oder Briefe Mahlers reicht aus, um den fiebernden Charakter des Komponisten zu erkennen: „Die höchste Glut der freudigsten Lebenskraft und die verzehrendste Todessehnsucht: beide thronen abwechselnd in meinem Herzen; ja oft wechseln sie mit der Stunde – eines weiß ich: so kann es nicht mehr fortgehen!“ Mit diesen Worten versuchte schon der jugendliche Gustav Mahler in einem Brief seine seelische Verfassung zu umreißen: ein permanenter Wechsel zwischen den Extremen, der zur Konstante seines Lebens werden sollte. Die Wahrnehmung von kaum auszuhaltenden und zermürbenden Ambivalenzen an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts, eine ständige Suche nach dem, was die Welt zusammenhält, ein Wunsch mit „klarem Blick bis auf die Erde dringen zu können“ (in einem Brief an seinen Freund und Assistenten Bruno Walter) – diese Dimensionen sind es, die Leben und Werk Gustav Mahlers bestimmen. Seiner Liebe zu Alma, die 19 Jahre jüngere Frau seines Lebens, der er das Komponieren verbieten sollte, die ihn wiederum mit dem jungen Architekten Walter Gropius rücksichtslos betrügen würde, suchte er mit der Formulierung „für dich leben!/ für dich sterben! Almschi!“, die er in die Partitur seiner X. und unvollendeten Symphonie schrieb, Ausdruck zu verleihen. Es ist diese Existenzialität des Lebens und Liebens von Gustav Mahler, die Seethaler mit keiner Silbe trifft. Stattdessen heißt es im Roman in auktorialer und klangloser Tonalität: „Auf seiner Kiste auf dem Sonnendeck dachte Mahler in einem Anflug bösartiger Resignation an die Nichtigkeit des Lebens.“ Eine bösartige Resignation wäre wiederum niemandem übel zu nehmen, der von dem Roman ein einnehmendes und ernstzunehmendes Porträt eines der bedeutendsten und wirkungsmächtigsten Komponisten der Musikgeschichte erwartet.

Für Mahlers Musik findet Seethaler im Übrigen überhaupt keine Sprache. Ausgerechnet für diese Musik, die immer wieder nicht unzutreffend als „absolut“ bezeichnet wird, die über die Symphonien und weitere Kompositionen den Zyklus sucht, voll von Lebenswirklichkeit, Tagtraum und Metaphysik ist. Wie einfach macht es sich hier Seethaler, wenn er schreibt: „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ Sind aber nicht gerade die Kompositionen von Gustav Mahler ein eindrückliches Beispiel für die Möglichkeit, Musik sprachlich zu erfassen und zu beschreiben, was diese Musik in ihrer Entstehung und Wirkung ausmacht? Die Musikwissenschaften ließen auf je ihre deskriptive und analytische Weise zu Mahlers Werken ganze Bibliotheken entstehen. Wie wären dann etwa die Beschreibungen von Mahler selbst zu werten, mit denen er über seine VIII. Symphonie schreibt und was weitgehend für sein Gesamtwerk gilt: „Alles ist nur ein ‚Gleichnis‘, für Etwas, dessen Gestaltung nur ein ‚unzulänglicher‘ Ausdruck für das sein kann, was hier gefordert ist“ (wieder in einem Brief an Bruno Walter)? Mahler beschäftigte in seiner Musik eben auch immer wieder die Auseinandersetzung mit Fragen und Erfahrungen der Metaphysik. Es wäre der besondere Reiz dieses Romanstoffes gewesen, episch die Fragen zu entfalten, warum Mahler so komponierte, wie er komponierte, oder warum seine letzten Sätze der Symphonien oftmals gefühlt kein Ende nehmen wollen. Was macht diesen Menschen aus, dessen unbedingtes Anliegen es war, durch seine Symphonien mit allen Mitteln eine Welt aufzubauen, während seine eigene Welt immer wieder im Sturz der Moderne und im persönlichen Unglück ins Wanken geriet? All das aber bleibt der Roman dem Leser und letztlich auch Gustav Mahler schuldig, dessen Leben Seethaler lediglich als einen Steinbruch netter Episoden verwendet.

Dass Robert Seethaler als eine der bedeutsamsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur Romane schreiben kann, dass er Geschichte und Geschichten erzählen kann, dass er die Tiefe der menschlichen Seele auszuloten weiß, all das hat er in seinen Romanen Der Trafikant, Ein ganzes Leben oder Das Feld immer wieder eindrucksvoll gezeigt. Wie schade, dass es ihm in Der letzte Satz so überhaupt nicht glücken wollte, im Modus der Literatur in die Tiefe der Existenz Gustav Mahlers vorzudringen. 

Robert Seethaler: Der letzte Satz
Hanser Berlin 2020
128 Seiten / 19 Euro

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