Im Widerhall – Iris Hanika: Echos Kammern

Von Jascha Feldhaus

Im Zentrum von Iris Hanikas ‚Echos Kammern‘ stehen Sophonisbe, Roxana und Josh, die durch Zufall zueinanderfinden. Mit dieser Konstellation entwirft die Autorin in ihrem jüngsten Roman die Geschichte von Echo und Narziss neu; sie überführt die ovid’sche Erzählung in einen modernen Kontext und erprobt dabei verschiedene Textformen. Vieles gelingt ihr so gut, dass der Roman insgesamt mehr ist als ein gelungenes Experiment.

Der Roman beginnt in New York. Sophonisbe, deren Namen von „dem Selbstporträt von Sofonisba Anguissola aus dem Jahr 1554“ entlehnt ist, verbringt dort eine bescheidene Zeit, die sie für ihr dichterisches Schaffen nutzen will. Von einem Engel, wie es im Buch heißt, wird sie zu einer Party in Beyoncés Haus geleitet, wo sie auf Josh trifft, den sie später per Zufall wiedersieht. Er ist ein junger Doktorand, der über die ukrainische Nationalbewegung im frühen 19. Jahrhundert forscht, und den sie deshalb später mit zu ihrem alten Bekannten Bedolf nimmt, dessen Freundin ukrainische Wurzel hat und gerne mehr über die Geschichte der Ukraine wissen will. Josh bekommt in Echos Kammern die Rolle des Narziss zu gesprochen, das wird bereits bei den Treffen mit Sophonisbe deutlich. Dort wird sein Verhalten als vordergründig kalkulierend entlarvt – der schöne Schein: „Auch sein Strahlen war verschwunden uns sein Gesicht vollkommen ausdruckslos und wie eine Maske so leer, denn er war schon in das dunkelgraue wollene Gewölk zurückgefallen, aus dem er inwendig bestand.“

Der zweite Teil der Handlung spielt in Berlin. Hier landet Sophonisbe bei Roxana, eine Freundin von Bedolf, die ihr in ihrer großen Wohnung Unterkunft anbietet. Roxana ist sehr wohlhabend, als erfolgreiche Ratgeber-Autorin hat sie ausgesorgt. Nun arbeitet sie an einem Buch über Kommunikation. Aufgrund einer Forschungsreise hat Josh auch einen Aufenthalt in Berlin eingeplant, weshalb er sich wieder bei Sophonisbe meldet, die ihn mit zu Roxana nimmt. In dieser Begegnung wird Roxana zu Echo; sie als gestandene Person verliert durch eine plötzlich aufwallende Liebe für Joshs Schönheit jede Kontrolle über die Situation, sie verfällt dem Wahn der Liebe. Sie, die festgestellt hat, dass „die Leute in der Regel gar nicht miteinander sprechen, daß sie sich vor allem die wichtigen Dinge nie sagen, sondern immer daran vorbeireden und aneinander vorbei“, verfällt jetzt selbst ihrer jüngsten Beobachtung.

Was Echos Kammern zu einem interessanten Roman macht, sind die verschiedenen Textformen, die die Autorin einfließen lässt: Erzählung, E-Mail-Korrespondenz, Zitat, Teile aus Sophonisbes Manuskript. Die verschiedenen Formen tragen dazu bei, dass die Handlung auf unterschiedlichen Ebenen vorangetrieben werden. Beispielweise wird mit den Manuskriptpassagen ein Einblick in das literarische Schaffen von Sophonisbe gewährt, die darin eine eigene „lengvitch“ entwirft, die sich in gewisser Weiser der deutschen Grammatik entzieht und die Struktur des Deutschen auf den Kopf stellt: „Tag von meine Ankunft war Samstag. An nächster Tag ich habe gemacht so, wie es befiehlt deutsche Tradition, und bin gegangen für Kaffee & Kuchen zu ein Café Konditorei.“ An anderen Stellen der Erzählung werden kleinere Brüche in den Text eingeschoben, welche die Dialogizität der Situation befördern, wie Zweisprachigkeit, Aufzählungen oder Listen. Zudem wird hier die Erzählstimme häufig dafür genutzt, um die Distanz zwischen dem Erzählten und dem Lesen auszulösen, indem sich diese mit der jeweiligen Situation perspektivisch nach außen wendet, oder um Gespräch und Erlebnisse allgemeinwissend zu kommentieren.

Die Vielzahl an Textformen und Erzählperspektiven, derer sich Iris Hanika bedient, führen zu einem abwechslungsreichen Leseerlebnis, welches die Möglichkeiten eines Textes hervorhebt und den Inhalt in ein kunstfertiges Arrangement verpackt. Sprachlich fordert der Text heraus, die vielen Wechsel unterbrechen den Lesefluss und verlangen eine aufmerksamere Lektüre, als es von ‚normalen‘ Erzähltexten bekannt ist. Wer sich experimenteller Literatur annähern möchte, dem sei dieses Buch dringend empfohlen.


Iris Hanika: Echos Kammern
Droschl Verlag 2020
240 Seiten / 22 EUR

Foto: hamburgfinn / pixabay.com

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