Gedächtnis und Erinnern sind alte Kulturtechniken, die bis heute Gemeinschaften und Individuen prägen. Was das Gedächtnis und die Erinnerungen nach dem Verlust wichtiger Men-schen auslösen, dem spürt Frank Witzel in seinem neuesten Roman ‚Inniger Schiffbruch‘ nach und entdeckt dabei Verlorenes wieder, trifft auf Widersprüchliches und legt Neues offen. Die Nähe zu seinen realen Lebenserlebnissen lösen hier und dort die fiktive Textanlage auf. Doch lädt Frank Witzel durch seinen offenen Umgang den Leser dazu ein, selbst über die eigene Ge-schichte nachzudenken.
Schlagwort: Rezension
Eine schrecklich banale Familiengeschichte – Katharina Geiser: Unter offenem Himmel
Bücher haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Menschen, die man auf Partys trifft. Mit so manchem findet man sich sofort auf Augenhöhe wieder. Man bemerkt gar nicht, wie ein Abend, wie eine ganze Nacht vergeht, und bedauert es zutiefst, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist. Und dann gibt es jene, denen man lieber aus dem Weg gegangen wäre, weil sie einen sonst mit einem unendlichen Strang pointenloser Anekdoten für den Rest des Abends okkupieren, wenn es nicht gelingt, sich zum rechten Zeitpunkt höflich aus dem Gespräch zurückzuziehen. Leider fällt das hier besprochene Buch in die letztere Kategorie.
Der schwarze Streifen des Regenbogens – Leona Stahlmann: Der Defekt
Wenn mit dem Regenbogenbanner für die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten demonstriert wird, fehlt die Farbe Schwarz. Leona Stahlmann möchte, dass sich das ändert. In ihrem Debütroman erscheint BDSM als jene dunkle Schattierung von Sexualität, die unter der grellen Oberfläche von Hardcorepornos und Schmuddelliteratur ein Dasein im Verborgenen fristet. Auf der Suche nach Zwischentönen verzettelt sich dieser Erstling.
Ich war ein Spion der Nazis – Ulla Lenze: Der Empfänger
Agentenkrimis sind spannend aber zumeist unrealistisch. Im echten Leben wären die Herren in den teuren Anzügen und schnellen Autos zu auffällig. Ulla Lenzes neuer Roman ‚Der Empfänger‘ über einen deutschen Spion im Amerika des Zweiten Weltkrieges ist hingegen äußerst realistisch und damit wäre auch schon das Positivste über das Werk gesagt. Das reale Fundament des Buches bilden über hundert Briefe, die der Großonkel der Autorin ab den 1940er-Jahren aus Amerika an seinen Bruder schrieb. Die Hauptfigur Josef Klein ist zwar eine literarische Erfindung, doch mehrere, z. T. namhafte Historikerinnen und Historiker berieten die Autorin bei ihrer Arbeit. Wie aus spannender Quellenlage und sorgfältiger Vorbereitung ein langweiliger Roman entstehen kann, wird im Folgenden gezeigt.
„Keine Frau auf Erden wird je so schön sein“ – Monika Helfer: Die Bagage
Das literarische Jahr 2019 endete mit üblen Twittergefechten zu Karen Köhlers außerordentlichem Roman Miroloi. In deutschen Feuilletons, österreichischen Social-Media-Gruppen und Schweizer Kulturradios wurde über weibliches Schreiben im frühen 21. Jahrhundert gestritten. Es ging um die Selbstermächtigung der Frau. Im Jahr 2020 geht die Diskussion stürmisch weiter. Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer beteiligt sich durch die Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Porträts einer alles andere als schwachen Frau in den Untergangsjahren der Habsburgermonarchie. Ein Selbstermächtigungszeugnis der besonderen Art.
Das Ende der Diplomatie als Anfang des Erzählens – Nora Bossong: Schutzzone
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Doch wie bekommen wir sie wieder in den Griff? Nora Bossongs Vorschlag: Wir könnten damit anfangen, die ungehörten Geschichten der unterpriviligierten Menschen auf der ganzen Welt anzuhören, denn Vielstimmigkeit ermöglicht Verständigung. Über einen in jeder Hinsicht fordernden und gelungenen Roman.
11.000 Meter unter dem Meer – Jasmin Schreiber: Marianengraben
Es ist nicht leicht, über Jasmin Schreibers Romandebüt zu schreiben. Zumindest wenn es um eine einigermaßen nüchterne Analyse gehen soll. Zu nah rückt einem dafür diese Abschiedsgeschichte aus der Sicht einer jungen Frau, die gerade ihren zehnjährigen Bruder verloren hat. Jedoch – und das ist die Kunst dieses fabelhaften Romans – sind wir damit bereits mitten im Thema. ‚Marianengraben‘ erzählt von tiefer Verzweiflung, von der Angst vor zu viel Nähe und von der Überwindung dieser Angst, die die Rückkehr ins Leben bedeutet.
Fake News – Cemile Sahin: TAXI
Die Schriftstellerin Cemile Sahin widmet ihren Debütroman dem Recht auf die Gestaltung der eigenen Existenz. Sie erzählt die Geschichte von Rosa Kaplan, einer Mutter, die „beschließt, ihr Schicksal nicht zu akzeptieren und den Sohn, der ihr durch einen Krieg genommen wurde, durch einen anderen zu ersetzen.“
Sei doch einfach mal du selbst – Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite
Die letztjährige Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher hat einen Roman über die Mangelhaftigkeit von Maßnahmen zur Eingliederungshilfe geschrieben. Die Angebote, die einem entlassenen Gefangenen nach verbüßter Haftstrafe den Weg in die Freiheit ebnen sollen, erscheinen darin als weltfremd und weitgehend sinnlos. Eine gute Idee. Aber leider kein guter Roman.
Quallenqual unter der Sonne – Joshua Groß: Flexen in Miami
Flexen: Dem Duden entnimmt man ‚trennschleifen‘, die Süddeutsche Zeitung schreibt ‚angeben‘, aber auch ‚posen‘ oder ‚hart rappen‘ und gibt damit Auskunft über die Bedeutung in der Jugendsprache. In Joshua Groß’ neuem Roman ‚Flexen in Miami‘ lesen wir von einem jungen Mann, dem es durch ein Schriftsteller-Stipendium ermöglicht wird, sorglos die Tage in Miami zu verleben. Es geht ihm eigentlich gut, doch weiß er nicht recht wohin mit sich. Während er selbst in Wollsocken die Klimaanlage anflext, müsste ein Trennschliff seinem Klotz vor dem Kopf beikommen.










