Befremdliches Schweigen – Hans Joachim Schädlich: Die Villa

Fünfundsiebzig Jahre nach Kriegsende schreibt Hans Joachim Schädlich das Buch ‚Die Villa‘ über das Leben einer vogtländischen Familie im Nationalsozialismus. Man könnte meinen: Das Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt; erleben wir doch heute, wie rechtes Gedankengut teils ungehemmt aus diversen gesellschaftlichen Kreisen an die Öffentlichkeit dringt. Da braucht es Bücher, die dem entgegen stehen und laut aufzeigen, wie vermeintlich vergangene Strukturen reproduzierbar sind. Ist ‚Die Villa‘ solch ein Buch?

Das Manifest der identitätspolitischen Partei – Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Olivia Wenzels Erzählerin hat tausendfältige Angst: Angst vor arabischen Terroristen, vor dem Reisen, vor Weißen, vor der Mehrheitsgesellschaft, vor der Mutter, vor ihrer Sexualität; davor, nicht dazuzugehören, sich zu binden, politisch nicht korrekt zu handeln oder selbst Mutter zu werden. In einem imaginierten Zwiegespräch mit sich selbst, das einer Therapiesitzung ähneln soll, geht sie den verschlungenen Wurzeln ihrer Ängste mal ernsthaft, mal halbherzig auf den Grund. Dabei münden alle Erinnerungen und Gedanken in den Fragen, wo, woher und wer sie sei – dringende Fragen nach ihrer Identität. Doch taugt dieses Gemisch aus Angststörungen und identitätspolitischen Affekten zu einem gelungenen Roman?

Eine schrecklich banale Familiengeschichte – Katharina Geiser: Unter offenem Himmel

Bücher haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Menschen, die man auf Partys trifft. Mit so manchem findet man sich sofort auf Augenhöhe wieder. Man bemerkt gar nicht, wie ein Abend, wie eine ganze Nacht vergeht, und bedauert es zutiefst, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist. Und dann gibt es jene, denen man lieber aus dem Weg gegangen wäre, weil sie einen sonst mit einem unendlichen Strang pointenloser Anekdoten für den Rest des Abends okkupieren, wenn es nicht gelingt, sich zum rechten Zeitpunkt höflich aus dem Gespräch zurückzuziehen. Leider fällt das hier besprochene Buch in die letztere Kategorie.

Der schwarze Streifen des Regenbogens – Leona Stahlmann: Der Defekt

Wenn mit dem Regenbogenbanner für die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten demonstriert wird, fehlt die Farbe Schwarz. Leona Stahlmann möchte, dass sich das ändert. In ihrem Debütroman erscheint BDSM als jene dunkle Schattierung von Sexualität, die unter der grellen Oberfläche von Hardcorepornos und Schmuddelliteratur ein Dasein im Verborgenen fristet. Auf der Suche nach Zwischentönen verzettelt sich dieser Erstling.

Ich war ein Spion der Nazis – Ulla Lenze: Der Empfänger

Agentenkrimis sind spannend aber zumeist unrealistisch. Im echten Leben wären die Herren in den teuren Anzügen und schnellen Autos zu auffällig. Ulla Lenzes neuer Roman ‚Der Empfänger‘ über einen deutschen Spion im Amerika des Zweiten Weltkrieges ist hingegen äußerst realistisch und damit wäre auch schon das Positivste über das Werk gesagt. Das reale Fundament des Buches bilden über hundert Briefe, die der Großonkel der Autorin ab den 1940er-Jahren aus Amerika an seinen Bruder schrieb. Die Hauptfigur Josef Klein ist zwar eine literarische Erfindung, doch mehrere, z. T. namhafte Historikerinnen und Historiker berieten die Autorin bei ihrer Arbeit. Wie aus spannender Quellenlage und sorgfältiger Vorbereitung ein langweiliger Roman entstehen kann, wird im Folgenden gezeigt.

„Keine Frau auf Erden wird je so schön sein“ – Monika Helfer: Die Bagage

Das literarische Jahr 2019 endete mit üblen Twittergefechten zu Karen Köhlers außerordentlichem Roman Miroloi. In deutschen Feuilletons, österreichischen Social-Media-Gruppen und Schweizer Kulturradios wurde über weibliches Schreiben im frühen 21. Jahrhundert gestritten. Es ging um die Selbstermächtigung der Frau. Im Jahr 2020 geht die Diskussion stürmisch weiter. Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer beteiligt sich durch die Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Porträts einer alles andere als schwachen Frau in den Untergangsjahren der Habsburgermonarchie. Ein Selbstermächtigungszeugnis der besonderen Art.

Sei doch einfach mal du selbst – Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Die letztjährige Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher hat einen Roman über die Mangelhaftigkeit von Maßnahmen zur Eingliederungshilfe geschrieben. Die Angebote, die einem entlassenen Gefangenen nach verbüßter Haftstrafe den Weg in die Freiheit ebnen sollen, erscheinen darin als weltfremd und weitgehend sinnlos. Eine gute Idee. Aber leider kein guter Roman.

Quallenqual unter der Sonne – Joshua Groß: Flexen in Miami

Flexen: Dem Duden entnimmt man ‚trennschleifen‘, die Süddeutsche Zeitung schreibt ‚angeben‘, aber auch ‚posen‘ oder ‚hart rappen‘ und gibt damit Auskunft über die Bedeutung in der Jugendsprache. In Joshua Groß’ neuem Roman ‚Flexen in Miami‘ lesen wir von einem jungen Mann, dem es durch ein Schriftsteller-Stipendium ermöglicht wird, sorglos die Tage in Miami zu verleben. Es geht ihm eigentlich gut, doch weiß er nicht recht wohin mit sich. Während er selbst in Wollsocken die Klimaanlage anflext, müsste ein Trennschliff seinem Klotz vor dem Kopf beikommen.